Donnerstag, 10. September 2015

Beklemmend: Der Dieb in der Nacht

Der Dieb in der Nacht 
von Katharina Hartwell 
2015 Berlin Verlag 
ISBN 978-3-8270-1279-1

Kurz nach dem Abitur an einem heißen Sommernachmittag geht Felix los, eine Cola an der Tankstelle holen. Er kommt an diesem Nachmittag nicht wieder, auch nicht am Abend, in der Nacht, den darauffolgenden Tagen, Wochen, Monaten, Jahren. Zehn Jahre ist dieser Nachmittag schon her, kein Wort von Felix, keine Spur, keine Gewissheit, was damals mit ihm passiert ist. Warum oder wohin er verschwunden ist. Paul, Felix bester Freund, hat ihn noch immer nicht aufgegeben, glaubt ihn in diesen zehn Jahren auch schon ein paar Mal gefunden zu haben, jedes Mal eine neue Enttäuschung. Als er in Prag in einer düsteren Kellerbar auf einen mysteriösen Mann trifft, der Felix auf den ersten Blick nicht ähnlich sieht, trifft es ihn mit voller Wucht: Felix. Ist dieser Mann ohne Erinnerung sein Felix? Auch Louise, Felix Schwester, sucht immer noch nach ihrem Bruder. Aber Ira Blixen, der Mann, dem Paul in Prag begegnet ist und der ihm nach Berlin folgt, hat keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem Felix - oder doch? Etwas an ihm, seine Art sich zu bewegen, das Muttermal, seiner Faszination für das Morbide, diese unscheinbaren Kleinigkeiten erinnern sie an Felix. Ihre  anfängliche Unsicherheit weicht immer mehr der Gewissheit, Felix endlich gefunden zu haben, obwohl sich sowohl bei Paul als auch bei Louise ein unbestimmtes Unwohlsein nicht abschütteln lässt. 
Denn ist der Mann, der sich Ira Blixen nennt, wirklich Felix?

"Paul, der Geist, der Schatten, erkannte, dass er sich als Mensch vor allem durch 
sein Verhältnis zu einem anderen Menschen definiert hatte. 
Wenn er nicht Felix' bester Freund war, vermutete er, war er niemand."

Katharina Hartwells zweiter Roman „Der Dieb in der Nacht“ glänzt durch seine außergewöhnlich kraftvollen Sprachbilder und das stetig wachsende Gefühl der Beklemmung, welches Hartwell fast unmerklich im Verlauf des Romans steigert. 
Paul und Louise wechseln sich zunächst als Erzähler ab, später kommt auch Louises Mutter, Agnes, hinzu. Jeder der drei erinnert sich anders an den Sommernachmittag, an dem Felix spurlos verschwand. Doch in ihrer aller Leben hat Felix Verschwinden eine bisher nicht füllbare Leerstelle hinterlassen, ein emotionales schwarzes Loch, welches jedes kleine bisschen Leben Stück für Stück vergiftet und einnimmt. Paul, für den Felix viel mehr war als nur sein bester Freund, ist halt- und orientierungslos ohne ihn. Nur durch Felix konnte Paul seiner enttäuschenden, lieblosen Familie entfliehen und ein neues, besseres Zuhause bei Agnes, Felix und Louise finden. Es genügt ihm aber nicht, als Freund dazuzugehören, nie war etwas Paul genug, unersättliche Gier nach mehr, nach etwas Besserem, ein übermächtiges Wollen treiben ihn an. Er stiehlt Kleinigkeiten, eignet sie sich an, beinahe unsichtbar macht er sich, wird Felix Schatten. Nur Felix weiß von Pauls Wollen, kennt diese düsterste Wahrheit über Paul, weiß um seine Unzulänglichkeiten. Aber trotzdem bleibt er sein Freund. Felix Verschwinden trifft ihn daher hart. Denn wer ist er ohne Felix, wer ist er, wenn er nicht mehr Felix bester Freund ist? Existiert er dann überhaupt? 
Auch Louise, Felix jüngere Schwester, hat nie gelernt, mit dem Verlust ihres Bruders umzugehen. Wie Paul driftet sie durchs Leben, planlos, lustlos, randvoll mit Selbstmitleid.
Ira Blixen, ein Prager Künstler, der sich nicht mehr an die letzten zehn Jahre seines Lebens erinnern kann, seit er bewusstlos aus der Moldau gezogen wurde, ist das perfekte Projektionsfeld für Paul und Louise Hoffnungen, ihre selbstsüchtigen Sehnsüchte. Obwohl der schlanke, schwarzhaarige Blixen dem gold-gelockten Felix auf den ersten Blick nicht ähnlich sieht, meinen beide bald, Felix in vielen Kleinigkeiten zu entdecken. Nach anfänglicher Weigerung, entschließt sich Blixen doch, Paul nach Berlin zu folgen. Je mehr Louise und Paul in Blixen Felix erkennen und ihn bald Stück für Stück in ihr Leben lassen, desto stärker wird ein von beiden verdrängtes Unbehagen. Blixen beginnt sich an vieles zu erinnern, er scheint tatsächlich Felix zu sein - aber weshalb ist er Paul und Louise dann zugleich so unheimlich und fremd? 
Ein starker Roman über Identität, Verlust und die zerstörerische Kraft der Sehnsucht ist Katharina Hartwell mit „Der Dieb in der Nacht“ gelungen. Unnachahmlich spielt sie mit Sprache, mühelos erschafft sie bedrückende Metaphern und unvergesslich treffende Sprachbilder. Den Leser lassen das Gefühl der Bedrohung, der Beklemmung den ganzen Roman über nicht los, schmerzhaft bewusst bleibt die Unsicherheit, die Louise und Paul trotz aller Zweifel zu verdrängen suchen. 
Die Realität ist ein fragiles Gebilde, geformt von unserer Wahrnehmung und unseren Sehnsüchten - Wahrheit ist darin ein scheues Gut.

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