Donnerstag, 8. Oktober 2015

Drastisch: Eigentlich müssten wir tanzen

Eigentlich müssten wir tanzen 
von Heinz Helle 
2015 Suhrkamp Verlag 
ISBN 978-3-518-42493-3

Es sollte so werden wie jedes Mal, ihr Wochenende auf der Berghütte im Tiroler Alpenvorland. Nicht ganz so lustig zwar, nicht so wie die Jahre zuvor, aber doch vertraut. Die fünf jungen Männer, fünf Kindheitsfreunde, könnten sich nicht mehr irren: Als sie nach dem erwartet unspektakulären Wochenende in das Dorf am Fuß des Berges hinabsteigen und in ihre Leben zurückkehren wollen, müssen sie entsetzt feststellen, dass nichts mehr so ist, wie sie es kannten. In der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit ist von der vertrauten Zivilisation nichts mehr geblieben. Das Dorf ist verlassen, abgebrannt und geplündert. Nichts weist darauf hin, was geschehen sein könnte - nur eins ist klar: die Bewohner sind tot oder haben das Dorf hinter sich gelassen. So beschließen die fünf in ihrer Sprachlosigkeit, sich zu Fuß auf den Weg zu machen. Zu einem anderen Dorf, einer Stadt, nach Hause, irgendwohin. Denn vielleicht ist es dort anders, vielleicht sind dort noch Menschen, Zivilisation, Leben. Sie sind allein, umgeben von Zerstörung, Leere und Tod. 
Wie weit müssen sie gehen, um an ein Ziel zu gelangen? Gibt es überhaupt noch so etwas wie ein Ziel in dieser postapokalyptischen Welt?

„Wenn die Sonne aufgeht, sehen wir übereinander hinweg und aneinander vorbei, und wir sehen genau, sehen es aus dem Augenwinkel, dass der andere auch woanders hinsieht, 
wir sehen jeder woanders hin, jeder in sein eigenes weit entferntes Nichts oder Alles, egal, wir sehen uns nicht in die Augen, das täte weh, mehr und ganz anders als die Sonne, (…)“

Bereits in seinem Debütroman „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ beeindruckte Heinz Helle durch seinen äußerst kühl reduzierten, poetischen Stil wie seine außergewöhnlich exakten Sprachbilder. „Eigentlich müssten wir tanzen“, mit dem Helle auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises vertreten war, erzählt vom Kräfte zehrenden Weg fünf junger Männer auf der Suche nach Zivilisation in einer postapokalyptischen Welt. 
Radikal und plötzlich auf nichts mehr als sich selbst zurückgeworfen, versucht die kleine Gruppe sich trotz aller Widrigkeiten in einer Welt, die nur noch vage an ihre eigene erinnert, zurechtzufinden. Leben wollen sie. Überleben. Mehr und mehr stellt sich jedoch die Frage, ob es die Zivilisation, das Bekannte, nach dem sie suchen, überhaupt noch gibt. Alles sonst so Vertraute wird ihnen fremd, zeigt es doch jetzt in der Stille ein ganz anderes Gesicht. Sinnentleert harren die Autobahnen, verwüsteten Dörfer und andere Hinterlassenschaften der Zivilisation ihrem Schicksal. Die Welt hat nicht aufgehört, sich zu drehen, weil die Menschheit verschwunden ist, im Gegenteil, die Natur wartet geduldig darauf, sie sich zurückzuerobern. 
An geplünderten Supermärkten, verlassenen Häusern und Höfen, scheinbar sinnloser Verwüstung und Tod kommen die fünf Männer auf ihrem Marsch vorbei. Mehr und mehr verändern auch sie sich, verfallen in Schweigen und Rohheit. Nichts ist mehr von Bedeutung außer dem nächsten Stück Weg, das sich vor ihren müden Augen in die Ferne erstreckt; nichts außer dem quälenden Hunger und dem Fünkchen Hoffnung, nach dem sie sich sehnen, das sie jedoch nicht mehr so wirklich aufbringen können. Gefährlich ist es in der neuen, allzu alten Welt, in der es nichts zu hoffen, nichts zu erwarten gibt. Sie funktionieren, gehen weiter, werden erfinderisch, so ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Aber ist das noch Leben? Sind sie noch am Leben, nur weil sie überleben? Gibt es in dieser kargen, brutalen Welt überhaupt noch etwas, für das es sich weiterzuleben lohnt? 
Eine Erklärung für die Apokalypse wird man in Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ nicht finden. Es geht ihm in seinem zuweilen unerträglich sachlich erzählten Roman nicht um Erklärungen, sondern um die Auswirkungen einer Katastrophe, des Verlustes all dessen, worüber wir uns als Mensch definieren. Was bleibt von uns, wenn alle Gewissheit und Sicherheit über Nacht verschwinden? Ebenso drastisch wie analytisch lässt Heinz Helle seinen Erzähler den Marsch der Gruppe dokumentieren - aber nicht ohne einen Funken Dramatik, welcher sich besonders in Kontrast zur Emotionslosigkeit und Kargheit der Sprache entfaltet, schildert er die Verrohung, die verzweifelte, unabwendbare Sinnentleerung des Seins. 
Herausragende Prosa, die den Leser aufrüttelt, schockiert und seinen gewöhnlichen Komfortzonen mitleidslos entreißt. „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist roh, hart und konfrontiert in seiner nüchternen, mit der Handlung zunehmend jeglicher Emotion entbehrenden Schilderung einer Postapokalypse mit beunruhigenden existentiellen Fragen rund um das, was uns Menschen und das Leben ausmacht. Absolut lesenswert!

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der wunderschön gestalteten Verlagsseite:

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen