Sonntag, 29. November 2015

Unrecht, Sünde, Stigma: Kindes Kind

Kindes Kind (orig. The Child’s Child) 
von Barbara Vine 
2015 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-06946-4

Seit dem Erbe des großmütterlichen Hauses leben die Geschwister Andrew und Grace zufrieden zusammen. Eine Haushälfte für jeden und eine gemeinsame Küche – eigentlich perfekt im schwierigen Londoner Wohnungsmarkt. 
Doch als Andrews neuer Liebhaber James sich als bedeutend mehr als nur eine flüchtige Affäre herausstellt und immer öfter bei ihnen im Haus bleibt, ist Grace zunehmend beunruhigt. Dem zwar sehr gut aussehenden, aber auch äußerst arroganten Schriftsteller kann sie auf Grund seines Verhaltens und seiner Geringschätzung ihrer noch im Entstehen begriffenen Doktorarbeit über schwangere Unverheiratete in englischen Romanen nichts abgewinnen. 
Es kommt aber ganz anders als Grace befürchtet – denn ihr Leben und das ihres Bruders scheint zunehmend beunruhigende Parallelen zum Thema ihrer Dissertation und einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus den 1950er Jahren aufzuweisen.

„Er wusste, dass es Unrecht war, aber er tat zurzeit so viel Unrechtes,
dass ihm sein Leben wie eine einzige große Sünde vorkam.
Doch noch ließ sich etwas dagegen tun (...)“

Barbara Vines Roman „Kindes Kind“ erzählt eindringlich von der Schande und Sünde, die im Fin de Siècle wie auch noch heute zuweilen Sexualität anhaftet. In zwei thematisch und inhaltlich verwobenen Handlungssträngen wird dieselbe Problematik – Homosexualität und die Schwangerschaft einer unverheirateten Frau – behandelt. Barbara Vine schafft dabei sehr differenzierte Charakterdarstellungen ihrer sechs Hauptfiguren, besonders die Binnenhandlung rund um Maud und John ist psychologisch enorm plastisch geschildert.
Grace Geschichte, die ihres Bruders Andrew und dessen Liebhaber James, bildet die Rahmenhandlung des Romans und spielt in der Gegenwart. Obgleich Grace keinerlei soziale Ächtung und Schande mehr empfinden muss, weil sie unverheiratet schwanger wird, so stellt ihre Schwangerschaft doch ein Problem auf Grund der Art der Empfängnis dar. Während sich das soziale Stigma der unverheirateten Schwangerschaft jedoch über die Jahre gewandelt hat, haben Homosexuelle wie James und Andrew auch in unserer Zeit noch mit Anfeindungen und körperlicher Gewalt wegen ihrer sexuellen Orientierung zu kämpfen. So bringt ein solcher gewalttätiger Angriff auf einen Freund der beiden die Handlung erst ins Rollen. 
Der Roman „Kindes Kind“, der Grace durch einen Freund, den Sohn des Autors, zukommt, behandelt genau diese Themen, die auch Grace und ihren Bruder beschäftigen und auf Grund derer der Roman in den 1950er Jahren noch nicht veröffentlicht werden konnte. John, homosexuell, aber gegen seine Neigung kämpfend, bietet seiner jüngeren Schwester Maud, nachdem sie unverheiratet schwanger wird, ein ungewöhnliches Arrangement an: Sie wollen sich als Ehemann und Ehefrau ausgeben, um so Mauds Tochter Hope Legitimation zu verschaffen und Maud selbst vor dem gesellschaftlichen Stigma zu bewahren. John entgeht so zudem den Avancen anderer Frauen und kann, so hofft er zumindest, seiner unheilvollen Schwäche für den schönen, aber ungebildeten Bertie entfliehen. Das zu Beginn so perfekt erscheinende Arrangement erweist sich jedoch als problematischer als erwartet, denn Maud und Bertie halten mehr als nur wenig voneinander. Auch scheint Berties Zuneigung der Liebe Johns kaum gerecht werden zu können, während Maud zunehmend gegenüber John eine ähnlich engstirnige und ablehnende Haltung vertritt wie ihre Eltern ihr gegenüber, als diese sie auf Grund ihrer Schwangerschaft verstießen.
Mit Rafinesse und Subtilität lotet Barbara Vine (alias Ruth Rendell) die psychologischen Abgründe von Verachtung, Hass, Schuld, Sünde und Unrecht der menschlichen Sexualität aus. So gelingt ihr in „Kindes Kind“ ein vielschichtiges Gesellschaftsportrait ebenso wie eine gescheiterte Lebens- und Familiengeschichte.

Interesse? Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite:

Kommentare:

  1. Hui, das klingt aber sehr spannend. Das würde ich gerne mal lesen. Ich werde es mal auf meine langfristige Leseliste setzen ;)

    LG

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    1. Hallo liebe Catherine! :)
      Das solltest du wirklich! Ich hatte so viel psychologische Spannung gar nicht erwartet, wurde dann aber mehr als positiv überrascht ;)
      glg

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