Donnerstag, 17. Dezember 2015

Leise und doch so kraftvoll: Takeshis Haut

Takeshis Haut 
von Lucy Fricke 
2014 Rowohlt Verlag 
ISBN 978-3-498-02016-3

Frida hat ein Ohr für Geräusche, sie sind ihr Beruf. Jedes Geräusch weiß sie so gut nachzuahmen, nur das Knacken ihrer eigenen Hüfte sollte ihrer Meinung nach aus der Tonspur ihres Lebens herausgeschnitten werden. Ihre Beziehung mit Robert verläuft schleppend, stockend sogar, und als Frida von dem jungen, aufstreben Filmemacher Jonas ein Angebot bekommt, hält sie nichts zurück. 
Frida soll den gesamten Ton seines verstörenden, endzeitlichen Films nachliefern, die Originalaufnahmen sind mit dem Tonspezialisten verloren gegangen. An sich schon eine große Aufgabe - doch der Film spielt auch noch in Kyoto, in Japan. Dort angekommen sieht sich Frida mit einem Störgeräusch konfrontiert, das jede ihrer Aufnahmen nutzlos macht. Niemand außer ihr scheint das Geräusch wahrzunehmen, selbst Takeshi, ihr einheimischer Begleiter, nicht. Ein neuer Rekorder lässt zwar das Störgeräusch verstummen, Fridas Unruhe und das Gefühl der Bedrohung kann er jedoch nicht zum Schweigen bringen. Gerade als sie sich mehr und mehr in Takeshi und seine ruhige Unaufgeregtheit, den Kitzel des Fremden, zu verlieben beginnt, wird das Störgeräusch grausame Realität: Ein verheerendes Erdbeben erschüttert Japan ...

„Wenn Frida in ihrer Kabine saß, könnte draußen die Apokalypse anbrechen, 
und sie würde sie verpassen. Ein Ort, der keine zeit kannte, der überall sein konnte, 
ein Ort wie ein Körper ohne Gebrechen. Nirgendwo sonst gab es Stille. 
In den trockendsten Wüsten heulten die Dünen, wenn der Wind an ihnen zerrte, 
und das war kein tröstliches Geräusch.“

Lucy Frickes „Takeshis Haut“ ist ein Roman der leisen Töne. Obwohl Fridas Beruf sich mit Geräuschen befasst, ist die Erzählweise kaum wahrnehmbar, ruhig, in sich geschlossen. Der komplette Verzicht auf direkte Rede trägt zu diesem Eindruck bei; dies in Kombination mit einem personalem Erzähler, der doch zu seinem Leser eine Distanz zu wahren weiß, macht "Takeshis Haut" zu einem trotz aufwühlender Ereignisse ruhigen Roman. Man empfindet als Leser wie Frida nach dem Tsunami - abgeschnitten, verloren. Es hat etwas beunruhigend Unwirkliches, als stünde man direkt hinter einem Nebelschleier, unfähig ihn zu lüften und sich klare Sicht zu verschaffen. 
Es heißt oft, eine Liebesgeschichte sei zart - Fridas und Takeshis ist es in der Tat. Die äußeren Umstände und Unmöglichkeiten komplett ignorierend, kann sie nur kurz, zart und vergeblich aufblühen, um nahezu sofort wieder zu vergehen. Schon zu Beginn ihrer Begegnung schwingt eine solche Traurigkeit im Ton und Umgang der beiden mit, welche das Bewusstsein, dass es keine Zukunft hat und enden wird, vorausdeutet. Frida wächst tatsächlich über sich hinaus auf der Suche nach aufrichtiger Liebe und Wärme, wagt etwas und riskiert ihr bisheriges, langweiliges Leben. Takeshi ist, was sie will, doch vergeblich.
Ihr persönliches Drama, der Verlust einer vielversprechenden, aber vergeblichen, unendlich zerbrechlichen Liebe, ist eingebettet in eine noch größere Katastrophe, das Erdbeben, welches unendlich viele Leben abrupt beendet. Frida jedoch lebt weiter, verletzt und enttäuscht von einer so klassisch erscheinenden gescheiterten Liebe - die genau so abrupt ein Ende findet wie all die Leben, geraubt vom Erdbeben. 
Durch seine sanften, besonders die Akustik betreffenden, zuweilen höchst poetischen Beschreibungen, gelingt es Lucy Fricke ihrem Roman eine ganz eigene Stimmung zu verleihen, das Unhörbare für den Leser hörbar und somit direkter erfahrbar zu machen. 
Diese leise Unaufdringlichkeit, die stillschweigend begleitende Melancholie, sowie die sanfte sprachliche Poesie machen "Takeshis Haut" zu einem solch außergewöhnlich guten Roman.

Interesse? Hier geht es direkt zum gebundenen Buch auf der Verlagsseite (dort findet sich auch eine Leseprobe):

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