Sonntag, 17. Januar 2016

Verloren und nicht wiedergefunden: Black Vodka

Black Vodka (orig. Black Vodka
von Deborah Levy 
2014 Verlag Klaus Wagenbach 
ISBN 978-3-8031-3265-9

Zehn Geschichten über moderne Menschen, die alle auf ihre ganz eigene Art verloren sind und versuchen, mit ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit zu leben. 
Die titelgebende Geschichte „Black Vodka“ handelt von einem missgebildeten Werbetexter, dessen Buckel ihn schon immer zum Außenseiter machte - bis eine neue Frau in sein Leben tritt. 
Alice reist in „Schlaglicht“ nach Prag, aber ihr Koffer geht verloren. Der Ballast ihres Koffers ist aber nicht das einzige, das sie am Flughafen hinter sich gelassen hat. 
"Bettgespräche“ erzählt von Ella und Pavel, die zusammen eigentlich so glücklich sein könnten. Wenn Pavel wüsste, was er will, soll er bleiben oder gehen? 
In „Roma“ lesen wir den von einer liebenden Ehefrau, welche in ihren Träumen heimgesucht wird von der vermeintlichen Untreue ihres Mannes.

„Dich zu küssen ist wie neue Farbe und alter Schmerz. Es ist wie Kaffee und
Autoalarm und ein schummriges Treppenhaus und ein Fleck, und es ist wie Rauch. Ich blicke dir in die Augen und kann nicht hinein.
 Du hast die Schlösser ausgewechselt und mein alter Schlüssel passt nicht mehr (...)“

Deborah Levy versammelt in „Black Vodka“ zehn Kurzgeschichten, die auf kleinstem Raum präzise das Dilemma des modernen Menschen umreißen.
Die Protagonisten ihrer Geschichten sind reich und arm, sind jung oder alt, schön oder missgestaltet. Sie alle verbindet ihre Suche nach etwas, das sie nicht so recht benennen können – ist es Liebe, ist es Glück? Oder sind sie am Ende nur auf der Suche nach etwas oder jemandem, der in dieser viel zu klein gewordenen Welt ihre Ratlosigkeit und Einsamkeit mit ihnen teilt?
Kein Wort ist zu viel an Levys Stories, keine Beschreibung unnötig, kein Ton unüberlegt. Manchmal melancholisch, oft lakonisch und phlegmatisch klingen ihre Geschichten, die den Leser unmissverständlich auf die Widersprüche und Verlorenheit ihrer Figuren stoßen. Ihre Prosa ist elegant, aber auch scharfkantig wie ein unliebsamer Dorn, den man ins Fleisch gestoßen bekommt.  
In all ihren Geschichten lesen wir von Durchschnittsmenschen, denen Alltägliches widerfährt, aber dieses Alltägliche in solch pointierter, reduzierter Form wiederzugeben, dass es eine neue, beunruhigende Sichtweise über den Zustand vieler Menschen unserer Zeit widerspiegelt, ist eine enorme schriftstellerische Leistung, die Deborah Levy scheinbar mühelos gelingt.
Erschöpft von ihren immer gleichen Leben und den lieblosen Beziehungen flüchten sich die Protagonisten in zum Scheitern verurteilte Affären, deren Sinnentleertheit ihnen nur Schaden zufügen. Auf der Flucht vor sich selbst und der Wahrheit, welcher sie nicht ins Auge blicken können, verstellen sie sich oder verschmelzen komplett mit einer starren, massentauglichen Fassade. So versuchen sie vergebens, in absurden, zum Teil komischen Anstrengungen, dem Menschen zu entkommen, dem sie niemals entrinnen werden: sich selbst. Annäherungen an andere sind nur temporär und scheinen kaum die hohen Erwartungen zu erfüllen, die sie nicht einmal benennen können. Mit allen Mitteln versuchen Levys Figuren ihrem Leben einen Sinn abzuringen, ihm eine Bedeutung und eine Richtung zu geben und verlieren dabei dennoch diejenigen aus den Augen, die ihnen genau das bieten könnten.
Jede der zehn Geschichten in Deborah Levys Kurzgeschichtenband „Black Vodka“ ist anders und vollkommen in dieser ihr eigenen Andersartigkeit. Levy gibt jeder ihrer Storys nicht nur einen anderen Tonfall, auch ihre Prosa passt sich den neuen Figuren an, verschlankt sich oder dehnt sich aus und versprüht dabei einen unaufgeregten Charme, der einen mehr als einmal schmunzeln lässt. So war die Titelstory „Black Vodka“ 2012 auch für den BBC International Short Story Award nominiert. Levy entblättert in ihren kunstvollen Geschichten Stück für Stück die Verletzlichkeit, Rastlosigkeit und Einsamkeit ihrer Figuren vor ihren Lesern und erschafft so den Eindruck, Zeuge einer intimen Wahrheit geworden zu sein, welche sonst nie das Licht des Tages erblickt hätte.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

Oder doch lieber im Englischen Original lesen?
 

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