Freitag, 17. Juli 2015

Wider der Einsamkeit: Astronauten

Astronauten 
von Sandra Gugić 
2015 C.H.Beck 
ISBN 978-3-406-67370-2

Ein Sommer, sechs komplett verschiedene Menschen. Ihre Wege kreuzen sich in der flirrenden Hitze, sie hinterlassen Spuren in ihren Leben, nur um kurz darauf wieder auseinanderzudriften. 
Zeno und Darko sind seit ihrer Kindheit beste Freunde. Darko lebt seit kurzem bei seinem Vater Alen, er ist in sich gekehrt und zieht sich diesen Sommer auch immer mehr von dem stürmischen Zeno zurück. Zeno, der für alles seine Theorien hat und nichts mehr fürchtet, als allein zu sein. 
Dann ist da noch Mara, in die Darko sich verliebt hat und der Zeno nicht traut - verrückt wie ihre Mutter, nennt er sie. Alen, gescheiterter Schriftsteller, trockener Alkoholiker und Taxifahrer lernt nach seinen Therapiestunden Mara kennen. Wild, ein wenig verrückt, immer leichter eine Lüge auf den Lippen als die Wahrheit, das ist Mara mit den zwei verschiedenen Augen. 
Niko ist Alens bester Freund, ein junger Polizist und Familienvater, verloren im Trott seines Alltags wie alle anderen, deren Geheimnissen wie die seinen hinter der allzu brüchigen Fassade der Normalität auf das Licht des Tages lauern. 
Als der charismatische Alex in das Leben aller tritt, wirbelt er das fragile Lügengebilde, welches sie ihr Leben nennen, durcheinander.

"Dass die Dinge anders liegen und die Guten, die Normalen, 
nur eine Wunschvorstellung sind, dass in jeder Biografie ein Knick ist, 
ein Bruch, eine Leerstelle, 
weil das Herausfallen aus der Ordnung das einzig Normale ist (...)"

Sandra Gugićs phantastischer Debütroman „Astronauten“ findet ganz eigene, literarische Stimme für die Einsamkeit und Vereinzelung der Menschen, ihr mannigfaltiges Scheitern und ihre Versuche, sich einander dennoch zu nähern. 
Aus drei Teilen besteht dieser außergewöhnliche Roman, in jedem Kapitel wechselt die Perspektive und eine andere Person kommt mit ihrer ganz eigenen, unverwechselbaren Stimme zu Wort. Dabei gelingt es Sandra Gugić mit sanfter, geübter Hand, all diese verschiedenen Perspektiven und Stimmen mehr und mehr zu einer einzigen zusammenfließen zu lassen. Indem sie Sätze und Gedanken eines ihrer Protagonisten von einem anderen übernehmen lässt, teilweise fast unmerklich, verdeutlicht sie so deren gegenseitigen Einfluss auf ihre Leben, macht die Spuren sichtbar, die jede Beziehung, jede Begegnung hinterlässt. 
Jeder einzelne dieser gewöhnlichen und dabei doch einzigartigen Protagonisten ist einsam trotz der Gegenwart der anderen. Verloren sind sie in ihrer kleinen Stadt, in ihren verfahrenen, zum Teil aussichtslosen, stagnierenden Leben und im Konstrukt ihrer eigenen Geheimnisse und Lügen. Mit zarter Verzweiflung klammern sie sich an ihre Routine und an den jeweils anderen, um sich ein bisschen lebendig und weniger einsam zu fühlen. 
Mara, die notorische Lügnerin, selbst schon nicht mehr im Stande, zu unterscheiden, welche ihrer Geschichten und Erlebnisse ihrer Phantasie entsprungen sind und was Realität ist, bändelt mit Alen an, obwohl sie genau weiß, was der zurückhaltende Darko für sie empfindet. Doch mit Alen verbindet sie mehr, sie sind sich ähnlicher. Sie bringt ihm bei, Kitsune, ihren Begleiter seit der Kindheit, einen Origami-Fuchs, zu falten. Ihre unbeschwerte Selbstsicherheit beeindruckt Alen und Darko gleichermaßen, ihre persönlichen Abgründe, wie ihre schwerst depressive Mutter, und ihr Hang, sich in Gefahr zu begeben, bleiben beiden verborgen. 
Zeno, voller Wut und Hass auf die Welt, erkennt in diesem Sommer, dass er doch auf sich allein gestellt ist, obwohl er bisher immer eine Einheit mit Darko bildete. Sie beide gegen den Rest der Welt. Doch Mara hat sich zwischen sie gedrängt, ihm Darko entzogen - Zeno beobachtet sie, einer Verrückten darf man nicht trauen. Schließlich greift er zum Gewehr, um seiner Wut und Angst Luft zu machen - eine Spur im Leben der anderen zu hinterlassen.
Die Frucht vor Einsamkeit treibt auch Niko dazu, Alex in sein Leben zu lassen, einen instabilen, egomanischen Ex-Junkie mit einer Historie aus Rückfällen. 
Über allem schwebt Zenos Graffiti von Gott als Astronaut, unnahbar in Silber und Weiß.
Ihre Leben streifen sich, die Schicksale kollidieren, doch sie kennen sich deshalb noch lange nicht. Zu vorsichtig sind sie darum bemüht, ihre kleinen Geheimnisse für sich zu bewahren, aus Furcht, das Gegenüber, die fragile Zusammengehörigkeit zu verlieren. Sich sich selbst zu stellen, den eigenen Lügen und dem Scheitern, das wollen sie alle vermeiden und setzen alles daran, dass niemand hinter die sorgsam errichteten Fassade auf ihre Geheimnisse blickt. Diese selbst errichtete Mauer ist es aber, welche sie von den anderen isoliert und sie einsam werden lässt. 
Poetisch stellt Sandra Gugić in ihrem Debütroman „Astronauten“ die Verlorenheit und Einsamkeit der Menschen dar. Sie schreibt von Verzweiflung, Scheitern, der zaghaften Annäherung ohne sich je wirklich auf den anderen einzulassen oder ihn an sein wahres selbst heranzulassen. Dennoch hinterlassen wir Spuren im Leben anderer, seien sie noch so gering. 
Eine einzigartiger, intelligenter Roman getragen von einer lyrisch anmutenden literarischen Stimme, von der wir hoffentlich noch mehr hören werden.

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