Donnerstag, 19. Mai 2016

Selbstzerstörerisch: Green Girl

Green Girl
von Kate Zambreno
2014 Harper Perennial
ISBN 978-0-06-232283-8

Die junge Amerikanerin Ruth arbeitet in London als Temp bei Horrids, einem der großen Luxuswarengeschäfte. Tag für Tag bietet sie unwilligen Kunden und Touristen das neueste Parfum eines amerikanischen Starlets an – denn wer möchte nicht einmal „Desire“ versuchen? Sie ist ein Green Girl, verloren in einer fremden Stadt, in der sie immer nur auf der Durchreise ist; verloren in der Arbeit als Parfumspritzerin; verloren in bedeutungslosen One Night Stand Beziehungen. Wer ist unser Green Girl, diese Ruth – dieses Mädchen, das sich halbherzig über Wasser zu halten versucht? Nach was sucht sie, in den tristen Straßen Londons, mit Augen so grau und voll unartikulierter Pein? Sie stolpert durch ihre Tage, durch die überfüllte Londoner Ubahn, ab und an begleitet von Agnes, einer rothaarigen Femme Fatale, welche mühelos alle Blicke auf sich zieht. Die Blicke, denen Ruth sich ausgesetzt fühlt, belästigt und dennoch verlangend nach der Aufmerksamkeit, die diese ihr versprechen, eine Aufmerksamkeit, die aber niemals lange anhält. Widersprüchlich ist Ruth, verloren, verlangend, gleichgültig, sensibel. Ein Green Girl unter vielen, das darauf wartet gesehen zu werden.

„The green girl necessarily pines for the past, because the present is too uncomfortable to be present in and the future, unimaginable. The need to long, to desire that which she cannot have, that which has eluded her, because she deceives herself that it was this person, 
this chance, where she would have found happiness. 
It would have been this boy, this ordinary boy with his ordinary cruelty,
 who would have unlocked the key to herself, a self mysterious even to her.
The One and there is only ever One so if you missed out, sad for you.“

Kate Zambrenos „Green Girl“ ist ein grandioser Roman, der stark in der Tradition der großen Romane des Stream of Consciousness, wie Clarice Lispectors „Die Sternstunde“, steht. Jedem Kapitel stellt die Autorin ein literarisches oder cineastisches Zitat voran, welches den Inhalt und besonders die Stimmung und Einstellung ihrer Protagonistin einfängt und diese so in einen größeren kulturellen Kontext setzt. Denn ihre Protagonistin ist ein Green Girl, eines von vielen: Ein verlorenes Mädchen, noch nicht ganz Frau und sich im Unklaren über ihr Selbst. Doch Ruth ist nicht auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit, sie versucht gar nicht erst, zu wachsen an den Herausforderungen, die ihr die graue Millionenstadt London mit ihrer Schnelllebigkeit und Konsumgesellschaft vor die Füße wirft. Sie lässt sich treiben, versucht, unsichtbar zu sein, sich anzupassen, nicht aufzufallen. Zugleich wünscht sie sich nichts mehr, als endlich wirklich gesehen zu werden. Bewundert, geliebt für das, was sie ist, in ihrer Unfertigkeit. Denn ihre Vervollkommnung, die „Entdeckung“ ihrer Persönlichkeit, erwartet sie von außen, passiv, berstend voll ungeäußertem Verlangen nach mehr. Immer mehr von allem braucht sie, Aufmerksamkeit, Begehren, Materielles, das dann doch niemals genug sein kann. Wertlos wird es für die Mädchen wie Ruth in dem Moment, in welchem es erreicht ist. Mädchen, die sich selbstbewusst geben und sich Persönlichkeiten überstreifen wie neue Kleidung. Nur um festzustellen, dass auch daraus nicht die Befriedigung oder gar die Erkenntnis entsteht, nach der sie so verzweifelt lechzen. Ausufernder Rausch, bedeutungsloser Sex, sinnloses sich treiben lassen sind ihre Mittel, um das wohlige, viel zu kurz andauernde Vergessen herbeizuführen, das sie von ihrer trostlosen Existenz und der Erinnerung an eine brutale und missbräuchliche, retrospektiv aber gerade deshalb idealisierte Beziehung erlöst. Denn sich selbst zu erniedrigen, sich in Situationen zu bringen, von denen sie weiß, dass es kein positives Ende finden wird, danach strebt das selbstzerstörerische Green Girl.
„Green Girl“ ist ebenso schonungs- wie hoffnungslos in seiner intimen Schilderung einer naiven, zerrissenen, verlorenen jungen Frau, die sich selbst nicht wertschätzt und an ihrem eigenen Unglück und ihrer systematischen Zerstörung aktiv mitwirkt. Jedes positive, zukunftsträchtige Element versagt sie sich, sabotiert und erniedrigt sich Mal um Mal bewusst selbst. Ruth gibt schnell auf und hofft dennoch auf eine große Veränderung von außen, außerstande, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Rohe, ungefilterte Emotion in äußerst poetischer Sprache – ein absolutes literarisches Highlight!

Interesse? Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite:

Diesen großartigen Roman gibt es bisher leider nicht auf Deutsch – lest ihn also im Original!

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