Sonntag, 22. Mai 2016

Was bleibt: Letztes Lied einer vergangenen Welt

Letztes Lied einer vergangenen Welt. Stories (orig. The Tsar of Love and Techno)
von Anthony Marra
2016 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51842534-3

Wir lauschen einer Kassette, einem Hörspiel, bestehend aus neun Stories. Es beginnt auf Seite A mit „Der Leopard“, die in den 1930er Jahren vom Künstler und Zensor Roman Markin unter Stalin handelt. Er ist der Beste seines Fachs, so gut, dass sogar Stalin selbst ihn für seine Kunstfertigkeit im Retuschieren seiner Wangen bewundert. Tag für Tag löscht er jede Erinnerung an unliebsame Staatsfeinde aus. Als er jedoch eine Ballerina aus einem Photo herausretuschieren soll, begeht er einen folgenschweren Fehler und belässt ihre Hand unretuschiert.
Vom Schicksal ebenjener Primaballerina in einem Gulag und Jahre später von ihrer Enkelin, die ihrer Großmutter in ihrer Schönheit um nichts nachsteht, liest man in anderen Geschichten. Auch ein Landschaftsgemälde, in das der Retuscheur Markin einen Parteifunktionär hineinmalte, taucht wiederholt auf und verbindet die tragischen Einzelschicksale miteinander. Auf diesem Hörspiel, dieser Kassette, wird das Leben der Menschen in der Sowjetunion bis hin zum heutigen Russland erzählt – Einzelschicksale, welche doch in ihrer Gesamtheit ein reiches Porträt eines Landes und dreier Generationen schaffen.

„Ich zählte von zehn herunter, und Kolja summte die Nationalhymne.
Manchmal presste er meine Hand an seine Brust, und wenn sein Herzschlag 
an meiner Hand pochte, fühlte sich das weniger als Teil unseres Spiels
 und mehr als Probe für ein letztes Lebewohl an.
‚Du wirst den letzten Gedanken eines Menschen denken’, flüsterte ich.
‚Du wirst dieser Gedanke sein’, sagte er. ‚Du wirst das letzte Wort haben.’
‚Dein Name wird das letzte Wort sein.’“

Anthony Marras „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ wird als Stories, doch in ihrem Detailreichtum und auf Grund ihrer vielfältigen inhaltlichen und formalen Zusammenhänge, würde ich dieses grandiose Stück Literatur eher als einen Roman in Kurzgeschichten bezeichnen.
In neun Geschichten, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeiten erzählt werden, folgen wir den scheinbar willkürlich gewählten Schicksalen von Personen aus der sibirischen Stadt Kirowsk und aus Tschetschenien. Einige der Protagonisten kennen sich, die Verbindung anderer wird jedoch erst auf den zweiten Blick klar. Subtil sind die größeren historischen und persönlichen Zusammenhänge mittels weniger Worte angedeutet, aus den einzelnen Stories entwickelt sich so Stück für Stück das vielfältige Porträt eines Landes im Wandel der Geschichte und seiner von ihrer Zeit geprägten, zerrissenen Generationen.
Marra gelingt es, mit jeder Geschichte einen anderen Blickwinkel auf das Leben im historischen und heutigen Russland und dem Kaukasus zu werfen. Leben unter Diktatur, Krieg und als Durchschnittsbürger sind dabei ebenso vertreten wie das der wirtschaftlichen Oberschicht. Jede Geschichte ist dabei von einer eigenen Stimmung getragen und ist beileibe keine für sich stehende, abgeschlossene Erzählung. Die neun Stories fließen so nahtlos ineinander, wie die Leben ihrer Protagonisten untrennbar miteinander verstrickt sind. Dabei findet der Autor dennoch jedes Mal einen eigenen Ton, welcher stets von einer leichten Note der Melancholie getragen wird. Marras Prosa ist erschreckend emotional und zugleich bedrückend distanziert und zuweilen unerträglich sachlich – sein Erzählstil passt sich seinen Protagonisten an. Bedrückend fühlen sich seine Geschichten an, in manchen spürt man die Verzweiflung und Last der Erinnerung an verlorene Menschen mehr, während in anderen die Hoffnung und der Wunsch nach Zukunft überwiegt. Selten macht einen das Schicksal von Romanfiguren so betroffen wie in Marras leichtfüßiger Prosa. Es gelingt dem Autor, die emotionalen und politischen Verwicklungen einer Nation und ihrer Bürger über Jahrzehnte hinweg authentisch und zugleich kunstvoll miteinander zu verweben und so ein farbintensives Mosaik der Erinnerungen zu schaffen.
Ein wunderbares, episches Stück Literatur, das mich lange nicht loslassen wird!

***Der Hintergrund des obigen Photos ist ein Ausschnitt aus Stefan Müllers Werk „Dipl. Phys. Joseph Erb“ von 2009.***

Interesse? Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite (dort findet sich auch ein Video mit einer Lesung Marras):

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