Samstag, 31. Januar 2015

Rapunzel, reiß dir dein Haar nicht aus... Zwischen zwei Fenstern

Zwischen zwei Fenstern (orig. Creepy and Maud) 
von Dianne Touchell 
2014 Königskinder Verlag 
ISBN 978-3-51-56004-9

Creepy wird er in der Schule genannt. Er ist ruhig und will lieber unsichtbar bleiben, er beobachtet die anderen lieber, als selbst involviert zu werden. Man könnte Creepy einen hochintelligenten Voyeur nennen. Wenn er nicht gerade in seinem Collins English Dictionary Wörter und deren Bedeutung nachschlägt, dann beobachtet er sie mit seinem Fernglas. Das Mädchen von gegenüber. Das Mädchen, mit dem tizianroten Haar. Sie ist ein wenig fülliger, als es momentan Mode ist - klein und füllig, aber das stört Creepy nicht. Ihn stört auch nicht, dass sie sich aus psychischem Stress und als Kompensation ihr wunderschönes Haar ausreißt. Trichotillomanie nennt sich das, es ist jedoch nicht der Ursprung ihrer psychischen Probleme, es ist nur deren Ventil. Leider ist und bleibt es nicht ihr einziger Tick. Er nennt sie Maud, denn obwohl sie dieselbe Schule besuchen, kennt Creepy ihren Namen nicht. Er beobachtet sie nur – beim Haare reißen, beim heimlichen Alkohol trinken, beim Zeichnen. Und Maud beginnt Creepy zu beobachten. Schließlich schreibt er ihr und sie antwortet ihm. Alles natürlich getrennt durch die beiden Fensterscheiben und den Raum dazwischen. Als es mit Maud psychisch immer mehr abwärts geht, sie sich auch Creepy zu entziehen beginnt, beschließt er, ein Zeichen zu setzen. Er verlässt für sie sogar seine wohlgehütete Unsichtbarkeit. Maud wird jedoch immer instabiler, ihr familiäres Umfeld trägt nicht gerade zu einer Besserung ihrer angeschlagenen Psyche bei. Am Ende überwindet Creepy den Raum zwischen ihren beiden Fenstern und macht sich auf, Maud wirklich kennenzulernen, die Maud, die nicht hinter Glas und Gardinen versteckt ist.

Ein wundervolles, anderes Buch. Viele denken jetzt sicher: „Uhhh, Jugendbuch, ne, das ist nichts für mich“ – da, meine Lieben, täuscht ihr euch gewaltig. „Creepy and Maud“ unterscheidet sich enorm von den typischen Jugendbücher, die den Markt überschwemmen und deren Aussage sich stets zu wiederholen scheint. Im Grunde würde ich es gar nicht als Jugendbuch bezeichnen, denn obwohl die Protagonisten Jugendliche sind und der Verlag ist ein Jugendbuchverlag ist, bedeutet das noch nicht, dass dieses Buch nichts Besonderes oder gar leichte Kost ist. Im Gegenteil. Das hier ist Literatur, wirkliche, wundervolle, bewegende Literatur. 
Die Sprache ist so besonders wie die zwei Protagonisten es sind, aus deren zwei Perspektiven der Roman erzählt wird. Es ist einfach ein literarischer Leckerbissen. Die Optik, in die der Königskinder Verlag (der bei Carlsen beheimatet ist) sein erstes Programm gepackt hat, bringt den besonderen Inhalt nur noch deutlicher zum strahlen. Eine solch wunderschöne, reduzierte, schlichte und doch zugleich so kraftvolle Gestaltung, und zwar nicht nur allein das Cover des Schutzumschlages, nein, auch den vorderen und hinteren Vorsatz, die Typografie, ja, im Grunde einfach alles, das sieht man selten. Danke dafür. Dianne Touchell erzählt von zwei Jugendlichen, die beide in auf unterschiedliche Weise zerbrochenen Familien leben und beide ganz verschieden versuchen, damit umzugehen. Während Creepy sich in Distanz und Unsichtbarkeit übt, moralisch und intellektuell weit entfernt von seinen Eltern, deren Kleinkrieg ihn mehr amüsiert, als tatsächlich berührt, zerbricht Maud langsam aber stetig unter den nicht erfüllbaren Anforderungen und der Enttäuschung ihrer Eltern und zieht sich immer mehr in ihre Ticks und in die Sicherheit ihres Kopfes zurück. 
Warum kann es nicht mehr solcher Liebesgeschichten geben? Warum muss immer alles mainstream sein? Alles ein unglaubwürdiges Happy End haben? Wie hat ein grandioser Schriftseller einen seiner Charaktere einmal sagen lassen: „Ein Happy End ist nur ein Punkt, an dem man eine Geschichte willkürlich abbricht. Aber wahre Geschichten haben keine Happy Ends (…)“ (Tad Williams in Otherland Band 3, Berg aus schwarzem Glas). 
Genau so scheint es für Maud kein Happy End zu geben, sie wird immer weniger vor Creepys Fernglas, immer teilnahmsloser und durchsichtiger. Doch dann wagt er sich zu ihr hinüber, hinter seinem Fernglas hervor …
Es war wirklich ein Genuss, dieses Buch zu lesen.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

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