Sonntag, 13. März 2016

Ein Brief – mehr als ein Brief: Und du bist nicht zurückgekommen

Und du bist nicht zurückgekommen (orig. Et tu n’es pas revenu
von Marceline Loridan-Ivens 
2015 Insel Verlag 
ISBN 978-3-458-17660-2

Mit fünfzehn Jahren wird Marceline gemeinsam mit ihrem Vater aus Frankreich deportiert. Sie kommt nach Birkenau, er nach Ausschwitz. 
Inmitten der Unmenschlichkeit, des puren Hasses und des Massensterbens – den eigenen Tod täglich vor Augen, macht Marceline weiter. Erfriert innerlich, um zu überleben. 
Sie sieht ihren Vater noch einmal: Im Sommer 1944 bei der Zwangsarbeit, kommt er in einer Gruppe an ihr vorbei, sie fallen sich in die Arme und büßen mit Schlägen für diesen kostbaren Moment. Ihr Vater schafft es, ihr einen kleinen Brief nach Birkenau zu schmuggeln. Ein Brief, dessen Inhalt sie sofort vergaß und dessen sie sich ein Leben lang zu entsinnen versuchte – vergeblich. Der Brief selbst, verloren wie der geliebte Vater. Nicht zurückgekommen.

„Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem,
was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür,
dass wir traurig waren und dennoch lachten.
Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich.
Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da.“

Wie schreibt man über ein solch persönliches Dokument? Wie wird man der Emotion, der Bedeutung dieses Verlustes, dieses Traumas gerecht? Kann man es überhaupt? 
Marceline Loridan-Ivens schreibt in „Und du bist nicht zurückgekommen“ die jahrzehntelang ausstehende Antwort auf den Brief ihres Vaters. Eine Antwort, die er niemals lesen wird. Niemals lesen kann, weil er grausam aus dem Leben gerissen wurde, während sie überlebte. Weitermachte. Sogar lebte, während ihre Familie an dem Verlust des Vaters zerbrach. Der Vater, der hätte zurückkommen müssen. Nicht sie, nicht die Tochter, den Vater hätte die Familie gebraucht. 
„Und du bist nicht zurückgekommen“ ist der Schrift gewordene Ausdruck dieses unsagbaren Leidens, das Dokument einer Überlebenden, die mit ihrem Überleben hadert und an dem Verlust ihres Vaters ein Leben lang leidet. Ein Schmerz, der niemals heilt. Sie spricht über die Lücke, welche sein Verlust in ihr Leben und das ihrer Familie riss. Eine Lücke, die ein Leben lang nicht wieder gefüllt werden konnte. 
Dieser Brief, dieses Buch, das so viel mehr ist als ein simpler Brief je sein könnte,
benötigt nicht mehr Worte meinerseits. Ein solches biographisches Zeitdokument, eine solche absolute, wahrhaftige Liebes- und Leidenserklärung spricht für sich selbst.

Interesse? Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite (dort findet sich auch eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin):

Auf der Suche nach einem Roman, der dieser besonderen Empfehlung ähnelt?
Charlotte

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