Freitag, 3. Juli 2015

Zwischen eintöniger Realität und bunter Halluzination: Made You Up

Made You Up 
von Francesca Zappia 
2015 Greenwillow Books 
ISBN 978-0-06-229010-6

Alex scheint eine ganz normale Jugendliche zu sein. Ihr feuerrotes Haar fällt zwar immer sofort auf, aber dass sie seit dem Kindesalter unter Paranoider Schizophrenie leidet, versucht sie so gut sie kann vor ihren Mitmenschen geheim zu halten. 
In ihrem letzten Jahr vor dem Abschluss wechselt sie die Highschool, weil ihr Geheimnis in ihrer bisherigen Schule nach einer Paranoia-Attacke und dem nachfolgenden Vandalismus aufgeflogen war. Die East Shoal High School ist jedoch komplett anders als ihre alte High School; der Schulleiter scheint besessen von der Anzeigetafel in der Sporthalle und es gibt zu ihrem Ärger keine Fahrradständer. Nur nicht unangenehm auffallen, lautet Alex Devise - oder überhaupt auffallen. Das gestaltet sich als einzige neue Schülerin mit ihrem leuchtend roten Haarschopf jedoch etwas schwieriger als erhofft. Dass sie mit anderen verhaltensauffälligen Schülern wegen der unglücklichen Sprayer-Aktion an ihrer alten Highschool erst einmal im Athletics Support Club nachsitzen muss, macht ihr dabei aber nicht so viel aus. Der Club wird jedoch vom berüchtigten Miles Richter geleitet, dem Jungen mit dem besten Notenschnitt der Schule. Er hat diese strahlend blauen Augen wie Alex sie nur einmal gesehen hat, damals, als sie als Kind die Hummer im Feinkostladen befreit hat, bevor sie wusste, dass sie psychisch krank ist. Aber Blue Eyes war auch eine ihrer Halluzinationen - oder etwa nicht?
 
"Sometimes I think people take reality for granted. 
I mean how can you tell the difference between a dream and real life. 
When you're in the dream you may not know it, but as soon as you wake up, 
you know that your dream was a dream."

„Made You Up“ von Francesca Zappia ist ein außergewöhnlich kraftvolles Romandebüt. Der Autorin gelingt es mühelos, Alex Schizophrenie und ihre verzweifelten Versuche, sich an der Realität festzuklammern, empathisch und zugleich lebhaft aus Alex eigenwilliger Perspektive zu schildern. Alex als Ich-Erzählerin birgt jedoch einige Komplikationen, da sie auf Grund ihrer Paranoiden Schizophrenie ihren eigenen Sinnen und ihrer Wahrnehmung der Welt um sie herum nicht vertrauen kann. So stellt Alex, das Mädchen mit dem feuerrotem Haar, von dem sie als Kind glaubte, es sei vom selben strahlenden Rot wie das der Hummer, die sie so unbedingt - aber doch so sinnlos, da diese schon längst tot waren - aus ihrem Tank befreien wollte, das perfekte Beispiel einer unzuverlässigen Erzählerin dar. Sie versucht allerdings keinesfalls den Leser zu täuschen, ihre Krankheit täuscht sie selbst, wenn sie ihr (da ihr Vater Archäologe ist und die Familie Geschichte liebt) bevorzugt Nazis und Kommunisten vorgaukelt. Der Phoenix, den sie immer wieder über der Nachbarschaft sichtet, gehört auch zu den Dingen, die ihr ihr Gehirn wohl vorspielt. Denn obwohl sie in Behandlung ist, haben ihre Halluzinationen nie gänzlich aufgehört. Nur die Farbigkeit der Welt um sie herum hat nachgelassen, von ihrer auffälligen Haarfarbe abgesehen. Um den Halt in der Realität nicht zu verlieren, hat Alex daher damit angefangen, alles Auffällige oder Verdächtige in ihrer Umgebung zu photographieren, um es später nochmal eingehend prüfen zu können. Doch selbst diese Methode scheint nicht mehr zu greifen, als Miles Richter, hochintelligent, aber dennoch der größte Unheilstifter der Schule, mit exakt denselben strahlend blauen Augen vor ihr steht, welche ihr erster, bester und einziger Freund Blue Eyes hatte, mit dem sie die Hummer retten wollte. Wie sehr hat sie ihre Krankheit noch unter Kontrolle? Entgleitet ihr die Realität bereits? Miles bringt ihr sorgsam geordnetes und ach so fragiles Weltbild komplett durcheinander. Immerhin hatte sie sich Blue Eyes doch auch ausgedacht, zumindest war sie bisher davon ausgegangen. 
Der Schulleiter bereitet ihr zusätzlich Kopfzerbrechen. Sein merkwürdiges Gebaren rund um die Anzeigetafel trägt liebevoll-obsessive Züge und seine Nähe zu Celia Hendricks, einer bitchigen Cheerleaderin, die seit Jahren in Miles verliebt ist, verstärkt Alex Misstrauen. Mehr als einmal hört und beobachtet sie, wie Celia von ihrer Mutter und dem Rektor unter Druck gesetzt wird. Miles ist für beide eine Ablenkung, welche Celia daran hindert ihr Potential zu entfalten. Gemeinsam mit ihrem neuen Freund Tucker, versucht sie mehr über die Anzeigetafel und den Rektor herauszufinden. Tucker ist allerdings nicht ihr einziger Freund, denn mittlerweile hat sie sich auch mit den anderen Mitgliedern des Clubs, alles Misfits wie sie, angefreundet. Natürlich ohne irgendjemand von ihrer Krankheit zu erzählen, bei Nachfragen weicht sie geschickt aus. Ihr Verhalten hat sie so weit unter Kontrolle, dass ihren Mitmenschen ihre 360 Grad Checks und ihre Halluzinationen nicht auffallen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einer gewissen Feindlichkeit kommen auch sie und Miles sich näher. 
Die beunruhigenden Fragen aber bleiben: Ist Miles Blue Eyes? Wie sehr hat sich Alex schon von der Realität entfernt? Was ist Halluzination und was geschieht wirklich? 
Ein wirklich absolut gelungenes Debüt, dessen bunte Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, Mystery und Drama nicht liebevoller erzählt sein könnte. Es ist eine bunte, laute, rasante und unsichere Welt, in die uns Alex entführt. Geprägt von Angst, Paranoia, Halluzinationen und der steten Drohung, eingewiesen zu werden und nie ihren Schulabschluss zu schaffen. 
„Made You Up“ ist eines der wenigen Bücher über psychische Krankheiten, welches sich nicht in Klischees oder Happy Ends verirrt und dabei die wahre und wichtige Botschaft - Aufmerksamkeit für das Leiden und die Anstrengungen derer, die unter solch einer psychischen Krankheit leiden, zu schaffen - nicht vergisst und so seine Authentizität wahrt. Kraftvolle, rohe Prosa, suggestive Beschreibungen voll berstender Lebendigkeit und  strotzend vor Buntheit gepaart mit einem mitreißenden Plot und einer ausgesprochen wichtigen, jedoch viel zu wenig beachteten Thematik findet man in Francesca Zappias atemberaubendem Debüt „Made You Up“. Definitiv und außer Konkurrenz eines meiner Lieblingsbücher dieses Frühjahres.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

„Made You Up“ ist leider noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.

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