Sonntag, 10. April 2016

Alles wie immer: Alles ist jetzt

Alles ist jetzt
von Julia Wolf
2015 Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00211-4

Ingrid wohnt schon lange nicht mehr bei ihrer Mutter in der bedrückenden Enge der Vorstadt, geflohen ist sie vor ihr und ihrer Kindheit. Vor dem Mädchen, das sie war und nie mehr sein wollte. Stattdessen hat sie jetzt eine Wohnung in der Stadt, in der auch ihr kleinkrimineller Bruder Gordan Zuflucht gefunden hat. Eine Katze und Ingrids Freundin Jenny sind neben Ingrids Arbeitskollegen in der Live-Sex-Bar, in der sie kellnert, die einzigen Lebewesen in ihrem müde dahin plätschernden Leben.
An Weihnachten wird Ingrid von ihrem Bruder abrupt aus der von ihr jahrelang perfektionierten Gleichgültigkeit gerissen, ein Weihnachtsbesuch bei der verachteten Mutter soll es sein. Der Besuch bleibt nicht folgenlos, die Wand, welche Ingrid von der Welt da draußen abschottet, beginnt zu bröckeln und Erinnerungen an eine lieblose Kindheit zwischen Verlassen werden und Alkohol werden wach.

„Ingrid hat Mitleid mit ihm, sie greift nach seiner Hand. Gordan und Ingrid nehmen sich bei der Hand, sie springen. Das Becken verschluckt sie. Oder: Sie springen und brechen sich auf dem Grund des Springbads beide Beine, alle vier Beine. (...)
Ingrid ist müde, unendlich müde.
Natürlich springen sie nicht. Sie springen nicht und reden nicht, schweigend sitzen sie am Rand des Schwimmbeckens und rauchen Gras.“

Julia Wolfs Debütroman „Alles ist jetzt“ erzählt von einer jungen Frau auf der Flucht vor sich selbst. Einer Frau, die doch immer noch das naive Mädchen geblieben ist, auch wenn sie sich gegen die Enttäuschungen, den Verrat und das Verlassen werden mit einer undurchdringlichen Mauer umgeben hat. Eine Mauer aus Gleichgültigkeit, Alkohol und einen Gedanken und Erinnerungen verstummen lassenden Schlaf trennt sie von ihren Mitmenschen. Ingrid ist nicht mehr in der Lage, zu unterscheiden, wer es gut mit ihr meint und wer ihr übel mitspielen will. Es ist ihr im Grunde auch egal, sich selbst ist sie nur noch wenig wert. Taubheit sucht sie, nichts leichter, als sich dem verlockenden Sog des Schlafs hinzugeben, nur einen kurzen Moment aufhören zu existieren.
Nach dem wie zu erwarten missglückten Weihnachtsfest bei ihrer Mutter, macht ihr eine Mitteilung ihres Bruders allzu schmerzhaft bewusst, dass sie dennoch immer noch etwas fühlt. Schmerz empfindet, auch wenn sie sich verbietet, ihn wahrzunehmen, ihm Ausdruck zu verleihen. Taubheit vorzutäuschen ist so viel einfacher für Ingrid. Beziehungen abrupt abzubrechen, ohne Warnung, ohne Erklärung, ohne Grund. Bevor jemand ihr Schmerz zufügen kann. Sie kann noch so viel schlafen, sich taub stellen und unsichtbar machen – die Wahrheit ist: der Schmerz bleibt.
„Alles ist jetzt“ beeindruckt durch seine kraftvolle Rohheit, seine ungeschönte Darstellung einer tief verletzten Persönlichkeit auf der Flucht vor sich selbst. Julia Wolfs reduzierte, beklemmende Sprache trägt die Persönlichkeit ihrer Protagonistin, spiegelt sie wider und verleiht so eben jenen unterdrückten Gefühlen Ausdruck, von denen sie sich vergeblich zu distanzieren versucht. Ingrid ist abgestumpft, phlegmatisch, verroht, depressiv, widersprüchlich. Aber genau das macht Ingrid so erschreckend lebendig, so bestürzend wahrhaftig in ihrem ziellosen Treiben und dem Versuch, sich von ihrer Vergangenheit und ihrem Ich loszusagen.
Ein großartiges, betroffen machendes Debüt, welches nicht vor der nötigen – extrem expliziten! – Drastik zurückschreckt, um der Thematik gerecht zu werden. Eine beeindruckende Lektüre!

Interesse? Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite (dann muss allerdings noch unter dem Autorennamen gesucht werden ...):

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