Donnerstag, 7. April 2016

Verletzlich: 33

33 (orig. 33)
von Kjersti A. Skomsvold
2015 Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-455-40543-9

Eine Mathematiklehrerin zwischen zwei Männern. Der eine ist schon monatelang tot, der andere sehr lebendig, aber weit entfernt. Liebe sucht sie. Ein gemeinsames Leben, doch Ferdinand hat sie noch immer nicht verlassen. Er ist immer noch bei ihr, obgleich tot und begraben. Wie soll sie da einen Neuanfang wagen? Kann sie ihn überhaupt wagen? Gefangen an zwei Enden der Welt kommt K nicht mit ihrem schottischen Cricket Spieler Samuel zusammen, flüchtige Momente stehlen sie sich, zwischen Ferdinand und K’s endlosen Gedankenspiralen. Ein Kind, ja ein Kind zu haben wäre schön. Mutter zu sein. Aber auch hier Zweifel, immer Zweifel. Niemals verstummen die Gedanken, die beunruhigenden Spiralen, die sie doch nirgendwohin führen. Nur immer wieder zurück zu sich selbst.

„Ich lebe mein Leben nur in eine Richtung, und in der entgegengesetzten Richtung mache ich Geschichten daraus, ich habe den unstillbaren Drang, Geschichten mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende zu erzählen, und das verfälscht alles, ich bin zum Scheitern verdammt, wenn ich verstehen will, was ein Leben ist, was ein Leben bedeutet, nichts ist eine wahre Geschichte, aber ich kann nicht aufhören, daran zu glauben, denn ich versuche, Sinn aus dem Leben zu schöpfen ...“

„33“ von Kjersti A. Skomsvold ist ein eigenwilliger Roman, ein völlig ungefilterter Stream of Consciousness hinab in die Tiefen einer einsamen Seele. Endlose Sätze voll intensiver Emotion rasen ungefiltert dahin, überschwemmen den Leser. K, die Mathematiklehrerin, ist es, die spricht. Die denkt, die fühlt. Ganz nah, ohne Beschönigungen, ohne Filter. Alles von ihr bekommt man zu Gesicht, staunend lässt man sich treiben in ihren wilden Gedanken. Ihren Erinnerungen, ihren Wünschen, Hoffnungen und Träumen. Was wahr ist, was real ist, wer kann das schon sagen. Ist es denn überhaupt wichtig? Existieren Ferdinand und Samuel überhaupt oder sind sie wie das Kind, das K in ihrer Handtasche mit sich herumträgt: Nur eine Ausgeburt ihrer langsam ins Ungesunde abrutschenden Psyche?
Alles bleibt in diesem Roman unklar. Je nach Emotion wandelt sich die Stimme, mit der K uns an ihren Gedanken teilhaben lässt. Obgleich man sich nie sicher ist, ob all das nicht doch nur im Kopf der Protagonistin stattfindet, die Ausgeburt einer verwirrten, unendlich einsamen Seele ist, beinhaltet es doch eine tiefe Wahrheit. Denn es geht um Angst, um Zweifel, um Einsamkeit und Verlust – diese Emotionen stürzen ungefiltert auf den Leser ein, reißen ihn mit sich, hinab an den Ort zwischen den Orten, an dem auch die Protagonistin K in ihrem eigenen Bewusstsein gefangen ist.
Es scheint so, als habe ich bei skandinavischer Literatur ein Händchen für das Abstruse, das Verrückte. „33“ nimmt den Leser mit auf eine intensive emotionale Reise; eine Reise, die kein wirkliches Ende hat. Existentielle Fragen verstecken sich im Gewirr der Gedanken, Verletzlichkeit und ein Verlangen nach Liebe werden offenbar. Augenfällig ist die namentliche Parallele K’s zu den Protagonisten Kafkas, welche ebenso gefangen sind in ihren eigenen, undurchdringlichen Denk- und Verhaltensmustern. Wie sie ist K gefangen in ihrem eigenen Kopf, ihre Gedanken und Erinnerungen füllen ihr Leben aus, machen es ihr unmöglich, tatsächlich zu leben. Skomsvolds „33“ ist ein sehr spezieller, kleiner Roman, dessen sprachliche, inhaltliche und formale Brillanz eine einzigartige Symbiose eingehen.

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