Sonntag, 17. April 2016

Am stillen Meeresgrund: Aquarium

Aquarium (orig. Aquarium)
von David Vann
2016 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42536-7

Caitlin ist zwölf und jeden Tag nach der Schule läuft sie ganz allein zum Aquarium. Während sie auf ihre Mutter wartet, sieht sie sich dort die Fische an, die gewöhnlichen wie die absurden Kreationen der Natur. Sie wäre selbst auch gern ein Fisch, unter Tonnen von Wasser begraben am Meeresgrund. Ruhig wäre es, friedlich. Sie müsste sich keine Sorgen mehr um ihre Mutter machen und dass man sie ihr wegnehmen könnte, wenn das Sozialamt erführe, wie viele Überstunden ihre Mutter im Containerhafen macht und dass Caitlin dann immer allein auf sie wartet – im Aquarium mittags, abends und nachts im Auto beim Hafen. Sie haben nicht viel, obwohl ihre Mutter schwer arbeitet, damit sie vorankommen im Leben. Aber sie haben sich. Über ihre Familie redet ihre Mutter nie, bis Caitlin sich im Aquarium mit einem älteren Herrn anfreundet, dessen Auftauchen ihr Leben ins Wanken bringt.

„Der ganze Planet ein Meer. Der Gedanke gefiel mir. Jede Nacht beim Einschlafen war ich in meiner Vorstellung am Meeresgrund, Tausende Meter tief mit dem schweren Wasser auf mir, doch ich schwebte knapp über dem Boden, in etwa wie ein Mantarochen, flog lautlos und schwerelos über endlose Weiten, (...), ganz in dem einen Element, ganz zu Hause, auf allen Seiten ebenso schwebende Schatten,
große Flügel ohne Laut und Sicht, doch spürbar und gewiss.“

David Vanns schonungsloser Roman „Aquarium“ entführt den Leser in die Gefühlswelt einer einsamen Zwölfjährigen, welche sich nichts mehr als eine glückliche Familie wünscht. Die sorgsam platzierten Illustrationen der Fische, über die Caitlin sich mit dem alten Mann im Aquarium unterhält, unterstützen die Narration des Romans, in ihnen offenbart sich Caitlins Weltsicht, ihre Hoffnungen und Wünsche.
Unter der Oberfläche abtauchen, unsichtbar werden, nichts möchte Caitlin mehr. Aber es wird immer schwerer zwischen ihr und ihrer Mutter, der sie ihre neue Bekanntschaft und ihre neu entdeckten Gefühle für ihre schöne Schulfreundin Shalini verheimlicht. Schließlich ringt sie sich dann endlich doch dazu durch, ihrer Mutter von ihrem Freund aus dem Aquarium zu erzählen und es zerbricht etwas in ihrem kleinen Leben. Ihre Mutter ist außer sich, zunächst aus Angst, dann aus glühend weißer Wut, als die wahre Identität des älteren Herren offenbar wird. Da ist etwas in ihrer Mutter, ein Teil von ihr, den Caitlin noch nie zu Gesicht bekommen hat. Etwas Wildes, Rohes, Gewalttätiges drängt an die Oberfläche. Ihre Mutter schreckt vor nichts zurück, um Caitlin eine einschneidende Erfahrung ihres Lebens nahezubringen, ganz egal, wie sehr sie sie dabei verletzt. Verstehen soll Caitlin. Fühlen muss sie es, selbst erleben, um ihre Mutter zu verstehen. Den Schmerz zu verstehen, die unbändige Wut. Denn es kann keine Vergebung geben, kein Vergessen. Zu tief ist die Wunde, sie schwelt schon zu lange. Was man ihr angetan hat, kann nicht vergessen werden, für sie kann es keinen Neuanfang geben. Caitlin versteht ihre Mutter nicht – das wäre doch ihre Chance, eine richtige Familie zu haben und aus ihrem traurigen Leben auszubrechen. Tapfer stellt sie sich ihrer gebrochenen Mutter, liebt sie, trotz ihres unfassbaren Zorns, der ihr Leben zu zerstören droht. Nur ein bisschen Vergebung, mehr bräuchte es nicht.
„Aquarium“ schockiert. Es macht sprachlos, wozu Caitlins Mutter fähig ist, zu welcher Grausamkeit sie sich hinreißen lässt, um ihrem eigenen, jahrelang in sich aufgestauten Zorn Ausdruck zu verleihen. Man fühlt sich erschlagen, kann es nicht fassen, wie schnell eine alte, nie verheilte seelische Wunde etwas in ihr so furchtbar verändert, sie zu einem komplett anderen Menschen macht. Aber Caitlin gibt nicht auf, beharrt auf einem Neuanfang, einer Art von Vergebung – auch wenn dabei die absolute Liebe zu ihrer Mutter zerstört wird. David Vann erzählt eine fassungslos machende, tragische Lebensgeschichte, die zeigt, wie schwer es ist, Vergebung zu finden und selbst zu vergeben.

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