Montag, 11. Mai 2015

Liebe, Frauen, Macht: Monogam

Monogam (orig. Monogaam) 
von Arnon Grünberg 
2014 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-24266-9

Marek van der Jagt, der Protagonist dieses biographisch anmutenden Kurzromanes, erzählt uns von sich. Von seiner Kindheit, als er beschloss, seine Familie domestizieren zu wollen. Von seiner Jugend, als ihm aufging, dass er Macht über Frauen ausüben will – Macht über Männer ist keine wirkliche Macht für ihn, die Frauen gilt es also zu dominieren. Da er sie aber zu Beginn nicht dominieren konnte, unterwarf er sich. Demütigte sich, um von den Frauen geliebt zu werden. Als das nicht zum gewünschten Erfolg verhalf, las er Camus und hatte seine erste wirklich ernste Beziehung nach einer enttäuschenden Kindergärtnerin. Seine Freundin, S., eine Soziologin, begann er jedoch ganz im Stile Don Juans zu betrügen, Macht und Abhängigkeit in den Frauen, mit denen er Affären hatte, auslösend. Doch auch das war er nach geraumer Zeit Leid, es hatte schlicht zu viele negative Nebeneffekte und gab ihm nicht das, was er suchte. All diese Frauen, die sich von ihm abhängig machten, ermüdeten ihn ungemein. Es war auf Dauer kein Triumph, Frauen mit so wenig Selbstachtung und Selbstwert zu dominieren. Erneut musste er seine Strategie verändern, um der Liebe Herr zu werden. Deshalb stürzt er sich in eine Beziehung zu V., einer talentierten Violinistin. Dieses Mal aber ist er der Betrogene - und er genießt es mit allen Sinnen. Immer verzweifelt auf der Suche nach der „Bestie Liebe“, welcher er sich schon in der Jugend geweiht hatte, ganz nah auf ihren Fersen und sie doch nie erreichend.

Der Name des Protagonisten, Marek van der Jagt, war zugleich das Pseudonym, unter welchem Arnon Grünberg „Monogam“ zunächst veröffentlichte. Dies verstärkt natürlich den Eindruck, es handle sich um biographische Notizen, welche in Romanform gebracht wurden, die Kapitel den einzelnen Arten geweiht, in welchen sich der Protagonist der „Bestie Liebe“ zu nähern versucht. 
Es ist ein Roman, wie kein anderer. Angefüllt mit literarischen Vorbildern Mareks, die sein Handeln bestimmen, und mit einem solch triefenden Sarkasmus, das man dieses Buch lange Zeit nicht vergessen kann. Vergessen Sie alles, was Sie je über die Liebe gelesen haben – „Monogam“ wird mit seinem trocken-analytischen Blick und seinem unvergleichlichen Sarkasmus ihre Sichtweise wandeln. Der Protagonist entlarvt sich selbst schon bald nach dem Prolog, als welchen ich das erste Kapitel empfinde, als emotional sehr kalt, egozentrisch und empathielos. Sein klinischer, analytischer Blick auf die Menschen in seinem Leben erschreckt und fasziniert zugleich. Marek ist ein Soziopath, der sich seiner Mitmenschen und ihrer Emotionen bedient, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Den Schmerz, welchen er so bewusst kreiert, nimmt er zwar wahr, doch eher mit der kalten Neugier eines Unbeteiligten. Sein Bedürfnis, sich selbst zu studieren, seine Begierden und seine Erfolge genau zu analysieren; nicht zuletzt, das angestrebte, jedoch nicht erreichte Ziel, seine Familie zu domestizieren, sie zu dressieren, das ist Marek van der Jagts erster Griff nach der Herrschaft. Denn zu herrschen war das, was er sich als Lebensziel in seiner Jugend auserkoren hatte. Mit den Jahren verfeinert er mit Hilfe literarischer Anleitung und den bereits gescheiterten Versuchen seine Herangehensweise. 
Da Sex und Macht sich seiner Auffassung nach nicht unterscheiden, weitet er das Feld seiner Bemühungen bald nach den vergeblichen (aber lehrreichen) Versuchen an seiner Familie auf die Frauenwelt aus – die einzigen, die es in seiner Weltsicht wert sind, von ihm unterworfen zu werden. Denn Männer zu dominieren bedarf keinerlei Anstrengung und ist somit auch keine Errungenschaft. Die Frauenwelt hingegen stellt Marek vor mehr Hindernisse, als er sich zu träumen wagte. Denn ist die Unterwerfung erlangt, so sie denn überhaupt erlangt wird, verfliegt schon bald der Triumph und weicht den ärgerlichen Nebenwirkungen - von jemandem geliebt zu werden, den man selbst nicht liebt, der sich selbst nicht achtet und der einen nicht loslassen will. Er zieht einen in seinen unwahrscheinlich suggestiven Bann, dieser Protagonist, der selbst so unentschlossen ist, ob er herrschen oder beherrscht werden will. 
Ein unglaublich kluger, sarkastisch bis zynischer Roman über die Liebe und ihre (Ab-)Arten, über einen Protagonisten, der mehr soziopathische Züge aufweist, als es dem Leser recht ist, der aber genau ob dieses Umstandes zu fesseln weiß und damit in die literarischen Fußstapfen von Casanova, Choderlos de Laclos und all jenen, die Marek selbst nennt, tritt. Jeder der gerne intelligent unterhalten wird, aber dennoch auf der Suche ist nach aufwühlender wie anspruchsvoller Lektüre sollte sich Arnon Grünbergs „Monogam“ nicht entgehen lassen, die Aufzeichnungen eines wahren, da gescheiterten, Casanova – es ist ein verruchter, sündiger Genuss.

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