Donnerstag, 6. August 2015

Atemberaubend: Bilder deiner großen Liebe

Bilder deiner großen Liebe - Ein unvollendeter Roman 
von Wolfgang Herrndorf 
2014 Rowohlt Berlin 
ISBN 978-3-87134-791-7

Isa steht auf dem Hof der Anstalt. Das Tor geht auf und Isa huscht hinaus. Gesehen hat sie keiner. Wohin? Überall hin, nur weg. 
Dabei hat sie nur ihr Tagebuch und den mysteriösen Inhalt ihrer vorderen rechten Hosentasche, den sie sich aber lieber nicht ansehen will, um sich die Vorfreude auf die Überraschung nicht zu verderben. Isa streift durch Wälder und Felder, steigt über Zäune, schläft im Gras unter freiem Himmel und genießt die Natur um sich herum, saugt sie auf wie ein Schwamm. 
An einem Fluss und auf einen Friedhof macht sie kurz Halt, in ihrem Streben nach Bewegung, immer Bewegung, aber ohne Ziel. Sie träumt sich in das Leben der Leute, an deren Häuser sie vorbeikommt, sie träumt von ihrem Vater, an den sie sich nicht mehr erinnert, oder vielleicht doch, träumt sich durch Tage und sternenklare Nächte. Sie flüchtet vor einem bellenden Hund, sucht Schutz vor den Naturgewalten und begegnet einem Binnenschiffer, der ihre wundgelaufenen Füße verarztet. Isa mäht einem Schriftsteller den Rasen, unterhält sich mit einem taubstummen Jungen und immer wieder rennt sie davon.
Sie streift die Leben anderer verlorener Seelen, verwickelt sie in absurde Gespräche randvoll mit Wahrheiten und verlässt sie so plötzlich, wie sie erschienen ist - bis sie zwei Vierzehnjährigen auf einer Müllhalde begegnet.

"Und da wandert die Sonne nicht mehr weiter, und die Zeit steht still. Das ist leicht."

„Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf ist, wie der Untertitel besagt, ein unvollendeter Roman, ein Fragment. Der Roman besteht aus vielen kleinen Episoden, alle erzählt aus Sicht Isas, doch die Handlung ist nicht kontinuierlich und hat Lücken, springt, würde sich auch zuweilen wiederholen, hätten die Herausgeber, welche das Manuskript und „Verstreutes“, aus dem dieser Roman zusammengefügt wurde, nicht in genau diese Reihenfolge gebracht. Der Vergleich mit Franz Kafka und Max Brodt liegt nahe. 
Selbst in ihrem Nachwort stellen die Verleger heraus, wie ungern Herrndorf bis kurz vor seinem Tod diesen Roman veröffentlichen wollte. Ihn unvollendet zu lassen, war ihm ein Gräuel, ein anderer sollte ihn aber auch nicht zu Ende schreiben. Aber irgendwie ist das ja dann doch passiert. Als Leser kann man schwer nachvollziehen, was alles lektoriert wurde und inwiefern das dann noch den ursprünglichen Gedanken des Autors widerspiegelt, diesen überhaupt noch in sich birgt oder ihn gar verzerrt. Zweifellos ist es kontrovers, viele Leser werden auch mit den offensichtlichen Unstimmigkeiten in Zeitablauf oder Handlung nicht zurechtkommen. 
Dialoge wechseln sich ab mit surrealen Traumsequenzen, einfühlsame Naturbeschreibungen folgen auf Kindheitserinnerungen Isas und machen immer wieder ihren widersprüchlichen, skurrilen, liebenswerten inneren Monologen platz. 
Doch gerade diese Sprunghaftigkeit, die Unsicherheit, die einen beim Lesen befällt, ob man Isas Version der Geschehnisse denn nun trauen kann, ob es so etwas wie die eine Wahrheit überhaupt gibt, was und ob sie sich Teile des Erzählten einbildet, das macht auch die Genialität und den Charme dieses literarischen Kunstwerkes aus. Am Ende ist es dann nicht mehr wichtig, wer was wie angeordnet hat oder welche geringfügigen Änderungen vorgenommen wurden, die Handlung könnte auch anders zusammengesetzt sein, so wenig steht sie meiner Ansicht nach im Vordergrund. Vielmehr geht es um das Empfinden, das ungefilterte und nicht gewertete Erleben einer Protagonistin, welche in mehr als nur einer Hinsicht aus der Norm herausfällt. 
Es ist ein höchst suggestiver, intensiver Roman, stets an der Schwelle des Traums und der Halluzination verweilend, strahlt er durch die unzuverlässige, poetische Erzählweise der mehr oder weniger verrückten Isa eine unvergleichliche Melancholie und Verlorenheit aus. Herrndorf verleiht durch seine einzigartige Mischung aus Realität und Traum unser aller Einsamkeit und Verschrobenheit durch Isa eine sanft schimmernde Stimme. Gebrochen, verwirrt, verrückt, vielleicht halluzinierend oder hellsichtig, aber deshalb umso authentischer und wahrhaftiger. 
„Bilder deiner großen Liebe“ ist ein außergewöhnliches Romanfragment, ein Außenseiterroman, dessen narrative Kraft von Herrndorfs ungemein lyrischer, zuweilen rohen Sprache gespeist wird. Isa streift wie ein Geist durch die Leben derer, denen sie auf ihrer Wanderung ohne Ziel begegnet, nie hat sie die Absicht, länger im Leben eines anderen zu verweilen. Sie geht ihren Weg, allein, manchmal auf Umwegen und mit Schwierigkeiten, nicht auf der Suche, aber immer auf der Flucht - vielleicht ja am Ende vor sich selbst.
Ein atemberaubendes Stück Gegenwartsliteratur.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

Ab dem 27.11.2015 auch als Taschenbuch bei Rowohlt erhältlich:

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