Sonntag, 2. August 2015

Beherzter Griff nach dem Glück: Das Schloss in den Wolken


Das Schloss in den Wolken (orig. The Blue Castle) 
von Lucy Maud Montgomery 
2015 Königskinder Verlag 
ISBN 978-3-551-56014-8

Die Familie Stirling ist alteingesessen in Deerwood, arrogant und hoffnungslos versnobt. Mit 29 Jahren noch unverheiratet und ohne Verehrer in Sicht ist Valency, genannt Doss, das Gespött ihrer lieblosen Familie, in der das Einhalten der Konventionen, des Scheins und der sich stetig wiederholenden Rituale das Wichtigste ist. Seit sie ein kleines Mädchen war, wird Valency konstant an ihre Unzulänglichkeit als Tochter und Frau erinnert, denn sie ist unscheinbar. All ihre Verwandten machen aus ihrer Geringschätzung keinen Hehl. Valency Leben verstreicht in Einsamkeit, Angst und Traurigkeit. Nichts wünscht sie sich mehr als frei zu sein, aufrichtig als Mensch wertgeschätzt zu werden. In ihrem Blauen Schloss, in das sie sich seit Kindertagen in ihren Träumen flüchtet, könnte sie hingegen nicht glücklicher sein. 
Da sie schon seit geraumer Zeit immer wieder Anfälle mit Schmerzen am Herzen erleidet, entschließt sie sich heimlich den örtlichen Arzt aufzusuchen. Dessen Diagnose verändert ihr Leben radikal. Valency hat genug -  sie bricht aus, schockiert ihre Familie und sucht im wahren Leben nach ihrem Blauen Schloss.

"'Ich glaube, jeder hat sein Blaues Schloss', sagte Cissy leise. 
 'Nur hat jeder einen anderen Namen dafür. Ich hatte auch eins - früher.'"

Lucy Maud Montgomerys Roman „Das Schloss in den Wolken“ ist, obgleich bereits 1926 veröffentlicht, bislang noch nie ins Deutsche übersetzt worden. Das ist außerordentlich schade, denn Montgomerys andere Bücher (die „Anne of Green Gables“-Reihe) sind Klassiker der englischsprachigen Kinder- und Jugendliteratur. Dieser wundervolle Entwicklungsroman erschien in einer hinreißenden Ausgabe beim Königkinder Verlag, doch ich bin auf Grund der Thematik und des Alters der Protagonistin der Ansicht, dass er sich auch in der Belletristik mehr als gut machen würde. 
Valency, verängstigt und optisch unscheinbar, leidet unter der Einengung ihrer Familie, ihrer offensichtlich mangelnden Attraktivität (immer stand sie im Schatten ihrer schönen Cousine) und ihrem scheinbar unabwendbaren Schicksal als alte Jungfer. Denn in ihren ganzen 29 Lebensjahren hatte sie noch keinen einzigen Verehrer. Ihr Leben ist eintönig und bestimmt von den Ängsten, ihre Familie vor den Kopf zu stoßen oder in irgendeiner Art negativ aufzufallen. Sie ist, trotz ihrer Vorsicht und ihres Schweigens über ihre wahren Ansichten, stets das Gespött der Familie, ihr Onkel Benjamin lässt keine Gelegenheit aus, Scherzfragen auf ihre Kosten zu stellen oder sie daran zu erinnern, wie sie als Kind einmal heimlich von der Erdbeermarmelade genascht hatte. Valency wünscht sich nichts als fort. Als ihr eine fatale Diagnose gestellt wird, fasst sie sich endliche ein Herz und beschließt, fortan kein trauriges, verängstigtes, fremdbestimmtes Leben mehr zu führen. Ihre Familie reagiert schockiert und verständnislos auf ihre neue - und vor allem unerwünschte - Ehrlichkeit, die Stirlings sehen ihre Ansichten bevorzugt unangefochten, mit der Wahrheit können sie nicht umgehen. Doch damit nicht genug, Valency geht noch weiter: Sie verlässt ihr verhasstes Elternhaus und kehrt ihrer kaltherzigen Mutter den Rücken, indem sie sich eine Anstellung als Haushaltshilfe sucht. Ihr skandalöses Verhalten sorgt für Panik und Aufregung unter den Stirlings, sie muss verrückt geworden sein, anders können sie sich dieses in ihren Augen schamlose, undankbare wie unstandesgemäße Verhalten nicht erklären. 
Durch ihre neue Freiheit und Selbstständigkeit gewinnt Valency an Selbstvertrauen und fühlt sich zum ersten Mal wirklich nützlich und gebraucht. Obwohl sie glücklicher ist als je zuvor, hat sie ihr Blaues Schloss noch nicht gefunden. Aber verliebt hat sie sich bereits - und so widersetzt sich Valency ein weiteres Mal ihrer Familie und den Konventionen ihrer Zeit, um ihr Glück, ihr Blaues Schloss, endlich zu finden. 
„Das Schloss in den Wolken“ ist ein noch immer aktueller Entwicklungsroman, in dem die hoffnungslose Protagonistin nach Jahren der Zurückhaltung, des Schweigens und der Angst, endlich den Mut und die Kraft findet, sich nicht mehr zu verstecken und unterdrücken zu lassen, sondern sie selbst zu sein und für ihr Glück zu kämpfen - endlich zu leben. Lucy Maud Montgomery portraitiert aber auch die Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit einer Gesellschaftsschicht, welche nicht mehr wahre Werte verkörpert, sondern nur noch dem eigenen Ansehen und ihrem bisschen Macht nachhängt. Andere zu grundlos zu verurteilen, ihre Macht zu missbrauchen und Schwächere zu demütigen, ist ganz normal für sie. In ihrem Opportunismus zählt nur ein Wert: Geld. Denn Geld bedeutet Macht und Ansehen.
In grandiosen Naturbeschreibungen und durch Valencys Liebe für Einfachheit, Echtheit und Natürlichkeit unterstreicht die Autorin subtil den Unterschied zu ihrer Familie und hebt ihre wahren Stärken hervor. 
Lucy Maud Montgomerys „Das Schloss in den Wolken“ ist ein berührender Roman über Freiheit, Selbstbestimmung, Glück und den Mut, danach zu greifen.

Interesse? Hier geht es direkt zum wunderschönen Buch auf der Verlagsseite:

Das englische Original ist in verschiedenen Ausgaben antiquarisch erhältlich.
 

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