Donnerstag, 20. August 2015

Schmerzhafte Trauer und verdrängte Schuld: Nie mehr Nacht

Nie mehr Nacht 
von Mirko Bonné 
2015 Fischer Taschenbuch 
ISBN 978-3-596-03057-6

Der Zeichner Markus Lee hat erst vor kurzem seine Schwester Ira verloren, als er von einem befreundeten Herausgeber eines Kunstmagazins den Auftrag bekommt, in der Normandie Brücken zu zeichnen. Er soll Portraits jener Brücken mit dem Bleistift einfangen, welche 1944 strategisch wichtig für die Landung der Alliierten waren. Das trifft sich gut, denn auch Iras fünfzehnjähriger Sohn Jesse will in den Herbstferien in die Normandie: Die Familie seines Freundes Niels hütet dort ein verlassenes Hotel. 
Schweigend machen sich die beiden auf den Weg in die Normandie, Iras Tod wiegt schwer auf ihnen. Angekommen im Hotel L’Angleterre wendet sich Jesse sofort Niels und dessen Familie zu, während Markus die ersten Brücken aufsucht. Doch je mehr er sich mit den Brücken befasst, desto weniger sieht er sich in der Lage, sie überhaupt auf Papier zu bannen, ihnen gerecht zu werden. Er verliert mehr und mehr an Halt - und immer ist er in Gedanken bei Ira, die depressiv, verloren und schließlich dem Leben nicht mehr gewachsen, den Selbstmord wählte. Aber wie soll Markus ohne sie weiter leben?

"Wir können diese Dunkelheit nicht länger ertragen und wollen es auch nicht. 
Wir ziehen einen Schlussstrich. Die Nacht ist vorbei, jetzt ist Tag."

Mirko Bonnés für die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2013 nominierter Roman „Nie mehr Nacht“ erzählt in fließend soghafter Prosa vom Verlust eines geliebten Menschen und der abgründigen Trauer um eine, die so viel mehr war als nur eine Schwester. 
Subtil und mit großem schriftstellerischem Können verwebt Bonné seine Geschichte mit der historischen und menschlichen Tragik der unzähligen toten Soldaten, die ihr Leben für die Befreiung gaben. Das Ausmaß der unbeschreiblichen Trauer, der wortlosen Leere, die Ira durch ihren Selbstmord in Markus Leben hinterlassen hat, entfaltet sich, wie die Handlung selbst, sehr langsam. Behutsam taucht der Leser in Markus Gedankenwelt ein, aus dessen Sicht der scheinbar harmlose Arbeitsurlaub in die Normandie geschildert wird. Hinter der kalten, distanzierten Oberfläche des freiberuflichen Zeichners, welcher zum Hohn seiner Familie nicht einmal sein Kunststudium beendet hat (seine Eltern nennen ihn ihren „Kritzler“), schlummert großer Schmerz und verdrängte Schuld. Denn jahrelang hat Markus Iras psychologischen Verfall, ihr Abrutschen in irrationale Ängste, Depression, Verzweiflung und Manien beobachtet. Der Wandel von der wissbegierigen, aufgeschlossenen Ira, die durch die ganze Welt reiste und in kürzester Zeit neue Sprachen lernte, nur um dann wieder in einem anderen Land von vorn zu beginnen, endete mit Jesses Geburt. Beschränkt auf ein kleines, häusliches Umfeld war es Ira nicht mehr möglich, vor ihren Ängsten davonzulaufen und diese durch obsessives Lernen von neuen Sprachen und das Leben in neuen Kulturen zu kompensieren. Jesse litt schwer unter ihren psychischen Schwankungen, häufig war er bei einer Pflegefamilie untergebracht, der Suizid seiner Mutter trifft ihn dennoch unvorbereitet. Wirklich leidet aber Markus, Iras Bruder. Er ist unfähig, mit ihrem Tod abzuschließen, kann nicht damit umgehen, dass sie nicht mehr da ist. Ihn verlassen hat. 
Den Auftrag in der Normandie will er zuerst gar nicht annehmen, aber schließlich lässt ihn die Idee nicht mehr los. Außerdem wollte Jesse ohnehin in die Normandie zu seinem besten Freund Niels und dessen Familie. Ein Glücksfall, wie es scheint. Doch Neffe und Onkel haben ganz verschiedene Mechanismen entwickelt, mit Iras Tod umzugehen. Während Jesse mit seinem Leben weitermacht, sich Neuem zuwendet, sucht und findet Markus in allem nur Ira. Verzweiflung packt auch ihn. Er kann seinen Job nicht erfüllen, kann die Brücken nicht zeichnen, kann all das Elend, den Tod und den grausamen Verlust nicht einfangen. Er will es auch nicht. Immer stärker verliert er sich in seinen schmerzhaften Erinnerungen an Ira, in der soghaften Leere, die sie mit ihrem Selbstmord in seinem Leben hinterlassen hat und die nun beginnt, alles in seinem Leben wie ein schwarzes Loch in sich aufzusaugen. 
Dass er auf einem Photo in einem Supermarkt eine Frau entdeckt, die Ira bis aufs letzte Haar gleicht ohne Ira zu sein, lässt sie ihn ein weiteres Mal verlieren. Vielleicht aber birgt dieser Zufall auch den Ausweg aus Markus Selbstkasteiung und trauernde Fixierung auf seine unglückliche Schwester. 
Neben den sich spiegelnden Handlungssträngen von Markus und der Landung der Alliierten in der Normandie, lässt Mirko Bonné ebenso literarische und mythologische Stoffe einfließen. So zitiert Markus selbst Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ als sein Lieblingsbuch, welches ihn zutiefst beeinflusst - so sehr, dass er bisweilen dessen Geschehnisse in seinem eigenen Leben nachlebt. Auch die griechische Mythologie findet man in „Nie mehr Nacht“, denn Markus Weg der Trauer um seine Schwester Ira gleicht Orpheus vergeblicher Suche nach seiner auf ewig verlorenen Eurydike. Wie Orpheus muss auch Markus erst in die Tiefen des Hades hinabsteigen, bevor er wieder ins Leben zurückfinden kann. 
Hinreißend schöne, poetische Literatur in psychologisch erschütternder Prosa schenkt uns Mirko Bonné mit seinem völlig zu Recht hochgelobten Roman „Nie mehr Nacht“.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

Oder doch lieber als schöne gebundene Ausgabe von Schöffling & Co. lesen (auf der Verlagsseite gibt es auch eine Leseprobe)?

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