Montag, 23. März 2015

Das Verglühen eines Sterns: Und auch so bitterkalt

Und auch so bitterkalt 
von Lara Schützsack 
2014 Fischer KJB 
ISBN 978-3-596-85619-0

Malina ist die jüngere Schwester von Lucinda, Lucinda, die leuchtet wie ein Stern. Die einzigartig ist, besonders, wunderschön aber dabei unnahbar. Es gibt nichts Besseres für Malina als Zeit mit Lucinda zu verbringen, sich in die Nacht mit ihr hinauszuschleichen und ihren Worten, ihrer Musik und ihren Geschichten zu lauschen. Lucinda weiß, was sie will. Sie hält alle auf Abstand mit ihrer Kälte; jeder Junge, der mit ihr in den Keller kam, kam kein zweites Mal zurück. 
Das ändert sich, als Jarvis in diesem Sommer im Haus nebenan auftaucht. Er ist anders als die Jungs, mit denen sich Lucinda bisher getroffen hat. Jarvis ist auch der einzige, der sich ein zweites Mal mit Lucinda in den Keller wagt. 
Malina beobachtet die beiden, wie außergewöhnlich sie sind, wie schön und fern. Sie wäre gerne wie ihre Schwester, so schön wie ein Stern. Ein wenig verliebt sie sich in Jarvis, den Jungen, mit dem ihre Schwester zu verschmelzen scheint, blendend hell wie eine Supernova.
Während Malina versucht, ihrer älteren Schwester nahe zu sein, ist Lucinda jedoch dabei, sich immer stärker von allem zu entfernen. Unnahbarer, schwereloser zu werden, um schließlich zu verglühen. Bis am Ende nichts mehr bleibt von Lucindas strahlendem Stern, nichts außer einem dunklen Fleck auf Malinas Iris.

Lara Schützsack ist mit „Und auch so bitterkalt“ ein enorm poetischer Kinder- und Jugendroman gelungen. Von der ersten Seite an fesselt einen die kindlich-naive Perspektive Malinas - wie sie ist der Leser in der Rolle des Voyeurs gefangen, unfähig, den Lauf der Handlung zu beeinflussen. Untätig dazu verdammt, Zeuge des Verglühens und langsamen Wegdriftens der vergötterten, idealisierten Schwester zu werden, welche vor Problemen und Unsicherheiten nur so strotzt. 
Lucinda erscheint zunächst stark und unverletzlich, doch auch Malina dämmert in diesem Sommer, dass ihre große Schwester Wunden in sich trägt, welche sie zu kompensieren sucht - durch die für Malina mysteriösen Treffen im Keller mit all den Jungen, die danach nie wieder gesehen werden, durch ihre Kälte und Unnahbarkeit und nicht zuletzt durch ihre stetig zunehmende Weigerung, Nahrung zu sich zu nehmen. Lucindas Beziehung zu Jarvis scheint ihr zunächst das zu geben, was sie bisher ermangelt hat, doch auch hier kommt es zum Bruch. Obwohl er sich noch ein weiteres Mal zu Lucinda in den Keller wagt, bleibt eine Leere in Malinas großer Schwester zurück. Lucindas Abwärtsspirale wird noch verstärkt durch diesen letzten, großen Verlust von Jarvis, an dessen Schicksal sie schwer zu tragen hat. Sie verliert letztlich ganz den Halt und auch die nie abreißende Bewunderung ihrer kleinen Schwester kann Lucinda schließlich nicht davor bewahren, zu verglühen. Malina beobachtet all das in einem Sommer, in dem sie selbst zaghaft beginnt, aus der Position der Beobachterin in die der Akteurin zu wechseln. Doch es gelingt ihr noch nicht ganz diese Schwelle zu überschreiten, geschweige denn, Lucinda zu retten. 
Einfühlsam erzählt Malina die Geschichte ihrer unabhängigen, oft wilden und dabei doch so verlorenen Schwester. Lucindas einsamer Stern kann schließlich nicht anders als zu vergehen. Zurück lässt sie eine fassungslose Malina, welche noch nicht im Stande ist, das Schicksal ihres Sternes Lucinda völlig zu erfassen. Umso authentischer ist deshalb Malinas Perspektive, umso zarter und unschuldiger ihr Blick auf die Geschehnisse. 
„Und auch so bitterkalt“ ist ein Roman über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, über die Einsamkeit des Einzelnen, über Verlust und Krankheit als Kompensation. Melancholie und Trauer waren selten in solch schöne, poetische Worte gekleidet.

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