Freitag, 6. März 2015

Identität und Suggestion: Der Widerschein

Der Widerschein 
von David Schönherr 
2013 Frankfurter Verlagsanstalt 
ISBN 978-3-627-00195-7

Ferdinand Meerten, ein Waisenkind geboren im 18. Jahrhundert in den Niederlanden, besitzt ein außergewöhnliches künstlerisches Talent. Der Junge selbst ist still, nahezu unsichtbar, doch sein Talent kann niemand vergessen, der einmal eines seiner Bilder gesehen hat. 
Ferdinands überragendes Talent als Künstler fällt als erstem dem Pfarrer auf, in dessen Obhut er gegeben wurde. Hypnotisch sind die Kohlezeichnungen des Jungen, so inspirierend, dass der Pfarrer wieder beginnt, sein eigenes unvollendetes Bild der Gottesmutter Maria weiterzumalen. Der Junge aber, Ferdinand, soll bei dem mittelmäßigen Maler Bros in die Lehre gehen. Doch Ferdinand hat vor seiner Abreise noch ein weiteres Bild vollendet: das Marienbild des Pfarrers. Schöner, naturalistischer, unheimlicher als der Pfarrer selbst es je vermocht hätte. Der Anblick raubt ihm den Verstand und das Leben. Auch der Maler Bros entdeckt Ferdinands Talent und macht es sich auf seine Art zu nutzen, indem er Ferdinands Bilder als seine eigenen ausgibt. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, aber ob Ferdinand Bros nur Glück bringen wird, wird sich noch zeigen. Die Bilder des Malers Bros werden weithin berühmt und erregen auch die Aufmerksamkeit des Kunsthändlers Gerlach. Dieser kann nicht glauben, dass Bros nahezu über Nacht so ein meisterhafter Künstler geworden ist. So macht Gerlach sich auf die Suche nach dem Ursprung der fesselnden, magischen Kunst Ferdinands - und nach Ferdinand selbst.
 
Ein äußerst spannender wie bildgewaltiger historischer (Kunstwerk-)Roman ist David Schönherr mit seinem Debüt „Der Widerschein“ gelungen. 
Der Protagonist Ferdinand Meerten erinnert dabei in seiner schattenhaften Präsenz, seiner Unsichtbarkeit (welche manche Leser fälschlicherweise als zu wenig ausgearbeiteten Charakter verstanden) stets an Patrick Süskinds Jean-Baptiste Grenouille. Ferdinand ist absichtlich nicht im Zentrum des Geschehens, er ist zwar die Figur, um welche sich die Handlung dreht, doch er ist keinesfalls der Erzähler. Diese Position gibt der Autor den wechselnden Perspektiven des Pfarrers Hobrecht, des Malers Bros (etc.) und immer wieder dem Kunsthändler Gerlach. Dadurch kann Ferdinand der unpersönliche, charakterlose, unheimliche Schatten bleiben, der er zu sein hat - denn ebenso wie bei Süskinds „Das Parfum“ geht es nicht nur um das unwahrscheinliche, hypnotische Talent, das jeden ins Unglück stürzt, der mit Ferdinand in Berührung kommt, ein zentrales Thema des Romans ist der Verlust bzw. das Nicht-Vorhandensein einer Identität. Ferdinand verkörpert dieses moderne literarische Thema ebenso wie Jean-Baptiste Grenouille. Im Gegensatz zu Grenouille wird Ferdinand jedoch nie zum Mörder, er bleibt das verschwommene Licht am Rande, dem alle aus selbstsüchtigen Motiven wie Motten hinterherjagen, nur um in der Flamme seiner Kunst zu vergehen. 
Unwahrscheinlich mitreißend schildert David Schönherr Ferdinands Odyssee - von Hand zu Hand immer weitergereicht, nur um die egoistischen Motive des jeweiligen „Besitzers“ zu befriedigen. 
Der Titel „Der Widerschein“ wirft dabei ein Licht auf den Effekt von Ferdinands Kunst. Einerseits spiegelt sich die Wirklichkeit in seinen Bildern so exakt wieder, dass es unheimlich und hypnotisch auf alle Betrachter wirkt und nicht nur einem den Verstand raubt; anderseits wirft sie aber auch das zurück, was der Charakter des Betrachters auf sie projiziert - so kann denjenigen nur Unheil wiederfahren, welche Ferdinand ob seines Genies ausnutzen wollen, denn ihr eigener schlechter Charakter ist es, der ihr Schicksal besiegelt.
Ferdinand ist ein künstlerisches Genie, das in die falsche Epoche hineingeboren wurde. Das Goldene Zeitalter der Niederlande ist bereits vorüber, er lebt in einer Zeit des Verfalls und des Niedergangs - einer Zeit, in der sein übermenschliches Talent, seine enorm suggestive Kunst nur das Schlechteste in seinen Mitmenschen zu Tage bringt. 
Ein ausgesprochen spannendes Spiel mit dem Begriff der Identitätslosigkeit, den Nebeneffekten großen Genies und nicht zuletzt eines Landes, welches seine glanzvolle Epoche bereits hinter sich gelassen hat.

Interesse? Hier geht es direkt zur Verlagsseite (man muss allerdings noch unter dem Autor nach dem Buch suchen …):

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