Donnerstag, 19. März 2015

Die Miniatur einer epischen Liebesgeschichte: Bonsai

Bonsai (orig. Bonsái) 
von Alejandro Zambra 
2015 Suhrkamp Verlag 
ISBN 978-3-518-42480-3

Zwei junge chilenische Studenten, Julio und Emilia, noch ganz am Beginn ihres Lebens stehend, verlieben sich ineinander. Es beginnt bei einer Lerngruppe, die in eine Party ausartet, die wiederum in Emilias und Julios erster gemeinsamer Nacht endet. Auf diese eine Nacht folgt eine weitere und noch eine … 
Doch was so harmlos und harmonisch erscheint, beinhaltet schon von Beginn an den Schatten der Lüge. Eine winzige, unbedeutende Lüge, sollte man meinen. Beide geben vor, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen zu haben und dadurch eine lebensverändernde Leseerfahrung gemacht zu haben. Doch wie jeder weiß, haben kleine Lügen die Angewohnheit, weitere und immer größere nach sich zu ziehen. Langsam entfremden sich die Liebenden. 
Emilia zieht schließlich ganz weg, nach Madrid, lebt ihr Leben weiter, exzessiv und destruktiv. Julio jedoch bleibt zurück, nicht nur in Chile, auch emotional gefangen in seiner unerfüllten Sehnsucht nach Emilia.
 
Winzig ist diese Roman-Miniatur, reduziert auf das Allernötigste, doch dabei so inhaltsvoll wie es kaum ein tausendseitiger Wälzer sein könnte. 
In dieser enorm komprimierten Form lesen wir eine allzeit gültige, zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte. Julio und Emilia könnten auch anders heißen, könnten jeder von uns sein oder niemand. So allgemeingültig ist ihre tragische Geschichte, ist der Verfall und das Wegdriften ihrer Liebe. 
Unterhaltsam und oft sehr humorvoll schildert Alejandro Zambra Emilias und Julios Versuche, ihre Beziehung durch das Lesen von Lektüren (auch Proust ist dabei - und, man kann sich als Leser kaum zurückhalten vor Lachen, Julio geht sogar so weit, zu sagen, „er habe jetzt erst das Gefühl, Proust wirklich zu lesen“ …) zusammenzuhalten. Doch die Lektüren sind von Beginn an der Sargnagel ihrer Beziehung. 
Die zweite, in Wahrheit jedoch für beide erste Lektüre Prousts markiert das endgültige Ende einer Beziehung, welche Julio sein Leben lang gefangen halten und nie mehr loslassen sollte. Verzweifelt stürzt er sich in eine unbefriedigende Affäre zu seiner Nachbarin, doch auch diese Beziehung sollte nicht halten. Emilia fällt es da leichter, ihr Leben weiterzuleben. Doch auch sie bricht nach einer unabsichtlich komischen, ihre langjährige Freundschaft zu Anita zerstörenden Lüge, die Brücken hinter sich ab und beginnt ein neues, kurzlebiges, selbstzerstörerisches Leben in Madrid, welches in ihrem frühen Tod gipfeln sollte. 
Emilia und Julio, beide liebten sich und strebten sie nach Gemeinsamkeit, zerstörten und verhinderten jedoch ebenjenes durch ihre Lügen und Geheimnisse. 
Alejandro Zambra schreibt nicht nur einen Roman über eine epische Liebesgeschichte, unnachahmlich in seiner sprachlichen Reduktion und Gewandtheit, er schreibt auch über die zerstörerische Kraft der Lügen. 
Jede Möglichkeit, welche Julio in seinem Leben bekommt, verwirkt er sich sogleich durch eine Lüge, eine unnötige Lüge zumeist und auch Emilia zerstört vieles Gute in ihrem Leben durch Unaufrichtigkeit und Selbstverleugnung. 
Der Titel „Bonsai“ verweist einerseits auf die enorm komprimierte Form des Romans selbst, andererseits ist es eine Anspielung auf eine der Lektüren, welche Emilia und Julio auseinanderbringen. Symbolisch steht der Bonsai für die zarte Pflanze der Liebe, die gehegt und gepflegt werden  muss, doch bei den beiden Protagonisten schließlich an Vernachlässigung und Lügen erstickt. Julio selbst wird den Titel auch aufgreifen, um in einem verzweifelten Vertuschungsversuch einer seiner Lügen gerecht zu werden. 
Große Literatur ist „Bonsai“ ob der Fähigkeit des Autors, solch eine epische Handlung in so wenige Zeilen und Seiten zu verpacken, ohne dem Leser das Gefühl zu vermitteln, er habe wesentliche Teile der Handlung verpasst. Reduktion ist eine Kunst, die gelernt sein will. Erfrischend ist die Lektüre für all jene, welche wie ich oftmals das Gefühl haben, im Mainstreambrei der Literatur von unbedeutenden Nebensätzen und abschweifenden, unnötigen Passagen eingeschläfert zu werden. Alejandro Zambra beweist, dass große Literatur und schriftstellerisches Können nichts mit dem Umfang oder der Seitenanzahl zu tun haben.

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