Sonntag, 1. März 2015

Hart werden, aber dabei zart bleiben: Es bringen

Es bringen 
von Verena Güntner 
2014 Kiepenheuer & Witsch 
ISBN 978-3-462-04692-2

Mit sechzehn ist Luis nach seinem besten Freund Milan der zweite unter den Jungs des Blocks. Luis ist der Mädchenschwarm - und die Fickwetten mit seinen Jungs gewinnt er fast immer. Er ist eben ein echter Bringer. Für sein Leben hat er einen Plan, er trainiert jeden Tag dafür, ist sein eigener Trainer und seine Mannschaft. Es gibt viel zu trainieren, die Angst zu besiegen vor allem. 
Luis Leben ist in Ordnung, er hat es komplett im Griff. Alle Mädchen fliegen auf ihn, aber er lässt keine an sich heran, auch nicht die vollbusige Jenny, die allen Jungs den Kopf verdreht. Nur Luis nicht. Denn jede, die ernsthaft eine Chance bei ihm haben wollte, die müsste es zuerst mit seiner absoluten Traumfrau aufnehmen: seiner jugendlichen Mutter. Es geht ihm nichts über seine unschlagbar coole Ma, nur Milan rangiert ungefähr in derselben Liga wie sie. 
Doch diesen Sommer wird alles anders. Es gibt viele Regeln zu beachten, damit die Freibadsaison phantastisch wird - was aber passiert, wenn Milan selbst sich nicht mehr daran hält und alles, aber auch wirklich alles durcheinanderwirft? Wird Luis sich als Bringer treu bleiben oder wird auch er sich verändern in diesem Sommer?

Ein wirklich absolut ungewöhnliches Debüt. Mit „Es bringen“ erreichte Verena Güntner die Finalrunde des OpenMike, gewann den dritten Platz beim MDR-Literaturpreis und den renommierten Kelag-Preis. Zu Recht. 
Als Leser taucht man sofort komplett ein in die schockierend oberflächliche, sexistische, dabei aber dennoch oft naive Gedankenwelt des Protagonisten. Die von Verena Güntner verwendete Sprache, derb, jugendlich, unmittelbar, sorgt dafür, dass der Leser hineingesaugt wird in Luis kleine Welt. 
Immer wieder fragt man sich: Ist diese Generation wirklich so? Bedeutet ihr alles so wenig, wie es bei Luis den Anschein hat? Was natürlich nicht heißt, dass Luis nichts Bedeutung zumisst. Im Gegenteil. Er wirkt und spielt Erwachsener, wenn er bei seinen Jungs ist und bei den Mädchen, die er rumkriegen will oder bereits rumgekriegt hat - dabei zeigen die Dinge, die ihm wirklich etwas bedeuten (seine von ihm absolut vergötterte Mutter, sein Vorbild Milan, sein Trainingsprogramm und Nutella, die Stute des Nachbarn), wie jung, kindlich und zum Teil naiv er noch ist unter seiner harten Mackerfassade. Die aber doch nicht mehr ist als das, eine Fassade. 
Luis ist ein ausgesprochen interessanter Protagonist. Einer der in seiner verstörender Art, seiner schockierenden Gleichgültigkeit gegenüber dem, wie er die Mädchen behandelt, wahnsinnig abstoßend wirkt. Indem die Autorin aber seine personale Perspektive als Erzählperspektive wählt und den Leser so mitnimmt in Luis kindlich-naive Gedankenwelt, zeigt sie eine Seite ihres nach außen hin so toughen, unsympathischen Protagonisten, welche die Meinung des Lesers in einen Zweispalt geraten lässt. Luis ist so zart oft, so unreif zwar, aber im Grunde ein guter Kerl, der nur versucht, stark zu sein und mit jedem Tag stärker zu werden. Seine Kindheit ist der Auslöser dafür, dass er seine Ängste besiegen will - um jeden Preis. Er muss stark sein für seine Ma, für sie beide. Denn er ist ein Bringer mit einem Plan. Das Motiv des imaginären Trainers und der Mannschaft ist seine persönliche Art, sich anzutreiben, sich Stück für Stück abzuhärten und zeigt dabei doch zugleich, wie verwundbar er wirklich ist. 
Als in diesem Sommer seine so wohlgeordnete, bekannte Welt aus den Fugen gerät, muss Luis sich sich selbst stellen. Er kann sich nicht länger hinter dem Trainer und der Mannschaft verstecken, er kann die coole Fassade nicht aufrechterhalten, wenn nichts mehr so läuft, wie es nach seinem Plan laufen sollte. Luis muss endlich beginnen, erwachsen zu werden. Er muss anfangen, zu sich zu stehen. 
Mit ihrem Debüt „Es bringen“ hat Verena Güntner einen außergewöhnlich einfühlsamen Roman über die Zerrissenheit eines modernen Jugendlichen geschrieben. Einem, der versucht, allen Anforderungen von außen an ihn gerecht zu werden, indem er sich selbst abhärtet und seine sanfte Seite niemals zeigt. Großartige, da widersprüchliche, Literatur.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:
 

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