Freitag, 17. April 2015

Skurrile Suche nach Würde und Sinn: Applaus für Bronikowski

Applaus für Bronikowski 
von Kai Weyand 
2015 Wallstein Verlag 
ISBN 978-3-8353-1604-1

NC, eigentlich heißt er ja Nies, verbringt seine Zeit zwischen nächtlichem Eierwerfen und wechselnden Jobs mit absteigendem Niveau. Zuletzt war er Hausmeister. Sein Bruder Bernd ist Banker, schon immer vertraute er auf die sichere Logik der Zahlen, die alles erklärbar machen. So war es für Bernd auch eine simple Rechenaufgabe, als ihre Eltern ihren überraschenden Lottogewinn ins Auswandern nach Kanada und somit die Erfüllung ihres Lebenstraumes investieren wollten. Nies sah das allerdings ganz anders. Immerhin waren er und sein Bruder noch Teenager - während ihre Eltern sich vor ihren Pflichten drückten und in Kanada der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche nachgingen. 
Nachhaltig von diesem Ereignis geprägt, lässt sich Nies durchs Erwachsenenleben treiben, ohne rechten Plan für sich und stets nichts gerade sparsam an kindischem Verhalten, abstrusen Ideen und dem ihm eigenen, zum Teil wirren Verständnis der Dinge um ihn herum. Von der Bäckereifachverkäuferin Frau März lässt er sich aus einer Laune heraus zuerst ein süßes Stückchen und dann auch eine Straße für seinen Spaziergang empfehlen. Auf den ersten Blick scheint die Holpenstraße nichts Besonderes zu sein, doch er entdeckt ein Bestattungsinstitut an ihrem Ende. Nies Neugier ist geweckt, ohne große Erwartungen geht er hinein und bekommt wieder erwarten eine Chance vom Besitzer. Er ist jetzt also Bestattungshelfer und es gibt viel für ihn zu lernen, angefangen bei Verantwortungsgefühl bis hin zur Würde des Menschen. 
 
Kai Weyand hat mit „Applaus für Bronikowski“ einen sprachlich exquisiten Roman mit einem wirklich absolut einzigartigen Protagonisten geschrieben, dessen Talent, sich selbst nicht zu kennen, meisterlich ist. 
Nies, oder NC (No Canadian) wie sein Spitzname seit dem Verlassen durch die Eltern lautet und an welchem er absolut störrisch bis ins Erwachsenenalter festhält, ist ein verlorener Junge, der den Weggang der Eltern nie verkraftet hat und sich noch immer, wenn auch nicht bewusst, an seinem Groll gegen sie und die Welt klammert. Er versteht sich selbst seit diesen Jugendtagen ausschließlich als „Anti“ - Anti-Bernd, Anti-Kanadier, Anti-Erwartungen, Anti-Beruf etc. Wer er abseits den Dingen und Wertungen ist, die er aus Prinzip heraus ablehnt, weiß er dabei selbst nicht so genau. Er ist ein trotziges Kind geblieben, das lieber mit Eiern an die gegenüberliegende Hauswand wirft, als sich mit dem tatsächlichen Ursprung seines Frusts auseinanderzusetzen. Nies Faszination für Sprache und deren Bedeutung wirkt oft schon fast zwanghaft, es ist etwas, womit er vordergründig seinen Kopf beschäftigt, um nicht über die wirklich relevanten Dinge nachzudenken. Er wirkt meist schroff, aggressiv und überreizt auf andere Menschen, wie die Bäckereifachverkäuferin, die er zu ihren beiden „Empfehlungen“ nötigt. Dabei meint er es gar nicht so, es ist seine tiefsitzende Wut, welche sich den Weg an die Oberfläche freigefressen hat und sich am schuldlosen Gegenüber entlädt. 
Der Job als Bestattungshelfer erweist sich als Offenbarung - in der Stille des Bestattungsinstituts kann er in einem wertungsfreien Umfeld beginnen, Verantwortung zu übernehmen, zwar noch nicht für sich selbst, aber doch zumindest einmal für die Würde der Verstorbenen. Der Umgang mit den Verstorbenen verschafft ihm einen Sinn von Nützlichkeit und Zweck, den er zuvor in all seinen Berufen vermisst hat. Doch Nies wäre nicht Nies, würde sich sein exorbitanter Mangel an Takt im Umgang mit den Lebenden nicht doch irgendwann Bahn brechen: Ein fatales Versprechen an eine Angehörige und Nies poetische aber dennoch absolut verstörende Umsetzung desselben zeigen ihm erneut die aufklaffenden Grenzen seines Selbst auf. Obgleich er ungemeine Fortschritte gemacht hat, kann er die ihm eigene Taktlosigkeit, das fehlende Verständnis des Menschlichen (was zuweilen schon autistische Züge trägt) nicht durch schieres Improvisationstalent - und sei es ein noch so poetischer Gedanke - wettmachen. 
Kai Weyands Sprache passt sich dem Erzähler und Protagonisten Nies nahtlos an; es ist, als schlüpfe man als Leser in dessen Haut, wobei einen bei Nies des Öfteren verstörenden, aggressiven Verhalten nie das Fünkchen Unbehagen verlässt, was dem Plot zu einem gelungenen Balanceakt zwischen Ernst, Komik und sehr düsteren Humor geraten lässt. 
Nies ist ein Protagonist, der sich bisher nur durchs Leben treiben lies, aber zugleich ist er selbst die treibende Kraft hinter jeder noch so skurrilen Situation, in welche er sich selbst wie auch den Leser drängt. Gefangen in seiner eigenen abstrusen Bedeutungswelt, mit nur ihm selbst bekannten Regeln, schottet er sich ab von allem, was ihn umgibt. Es gelingt ihm dabei nur sporadisch, mit den Menschen in seinem Umfeld in tatsächlichen Kontakt zu treten. „Applaus für Bronikowski“ ist ein außergewöhnlicher Roman über einen wütenden jungen Mann, der sich selbst das größte Hindernis auf seinem Lebensweg ist.

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