Freitag, 10. April 2015

Staufisches Mittelalter gegen die Realität des Weltkrieges: Das Sandkorn

Das Sandkorn 
von Christoph Poschenrieder 
2014 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-06886-3

1914. Jacob Tolmeyn, seines Zeichens Kunsthistoriker und dritter Sekretär am Königlich Preußischen Institut in Rom, ist fasziniert von der Herrschaft Friedrichs II. in Süditalien. Zunächst entsendet man ihn, die vermeintlichen Kaiserinnengräber in der Domkrypta von Andria zu untersuchen und zu legitimieren. Als sich dies als Erfolg erweist, soll Jacob seine Forschungen fortsetzen und die steinernen Zeugnisse von Friedrichs Herrschaft erstmalig gänzlich untersuchen und photographisch dokumentieren. Immerhin ist Friedrich II. ein deutscher Kaiser, die kunsthistorische Erforschung desselben gilt es daher auch wieder in deutsche Hände zu nehmen, gerade in diesen Zeiten. Unversehens aus seinem dunklen Kellerloch im Institut in Rom herausbefördert, muss er jedoch zunächst ins gefürchtete Berlin zurück, wo ihn die Schatten seiner Vergangenheit erwarten. 
Begleitet wird er auf dieser zweiten Reise ins Staufische Mittelalter Unteritaliens vom Schweizer Beat, seinem Assistenten, doch auf Grund der sich zuspitzenden politischen Lage innerhalb Europas müssen sie ihre Forschungen unterbrechen, gerade als Jacob beginnt, Zuneigung zu seinem schweigsamen Begleiter zu empfinden. Nach dem Ausbruch des Krieges kann nur eine dritte Reise sie wieder zusammenbringen - doch dieses Mal ist eine Frau mit von der Partie. 
Es scheint, als sei die Sicherheit der Zeit Friedrichs II. flüchtig, denn Jacobs Geheimnisse und der Krieg verfolgen ihn bis ins abgelegenen Apulien.
 
Elegant verknüpft Christoph Poschenrieder in seinem aktuellsten Roman „Das Sandkorn“, mit welchem er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014 stand, Historisches mit Fiktion. Es gelingt ihm dabei mühelos, den Leser in die Jahre 1914 bis 1916 zu versetzen und die unsichere Zeit an der Schwelle zum Abgrund der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts durch den Blickwinkel zweier ungewöhnlicher Erzähler lebendig werden zu lassen. 
Durch das Springen zwischen zwei Erzählzeiten, erschließen sich dem Leser erst nach und nach alle Facetten der Handlung. Einerseits werden durch Jacob Tolmeyn, dem Protagonisten, die Geschehnisse der Jahre 1914 bis 1916 erzählt, als er sein Verhalten zu rechtfertigen sucht, nachdem er wegen verdächtigen Verstreuens süditalienischen Sandes in Kriegszeiten in Berlin des Jahres 1916 auf der Berliner Polizeiwache festgesetzt wird. Hinzu kommt die Retrospektive des Kommissars Franz von Trepkow in Form von dessen Memoiren, welcher Jacob zu seinem ebenso zwielichtigen wie absonderlichen Verhalten vernimmt und dabei seine ganz eigenen Motive verfolgt. 
Als Jacob in dessen Fänge gerät, beginnt er zunächst arglos von seiner Zeit in Süditalien zu berichten; doch Trepkow, einem Spürhund gleich, hat schon bald eine Fährte gewittert. Erbarmungslos folgt der Kommissar seiner Ahnung, Jacobs sexuelle Orientierung betreffend, und hofft auf einen offenen Kriminalfall. Obgleich er Jacob mit keinerlei konkreten Beweisen belasten kann, versteht Trepkow es meisterhaft, sein Opfer zu verunsichern und dessen Schuldgefühl für seine Zwecke schamlos auszunutzen. Jacob, der seit der durch den Krieg zu rasch beendeten dritten Reise zu den Überresten der Herrschaft von Friedrich II. den Sinn und Zweck seines Daseins vermisst, lässt sich von den erschwindelten Anschuldigungen Trepkows verunsichern und schließlich zu einer folgenschweren Entscheidung nötigen. 
Als Kunsthistoriker stets außerhalb der Zeit stehend, diese betrachtend und wertend, ist sich Jacob selbst seiner Identität unsicher - sein wahres Wesen ständig aus Angst vor Verfolgung (§175) zu verstecken hat seine Spuren hinterlassen. Der Verlust Beats, beziehungsweise die viel zu spät geklärte Beziehung der beiden zueinander, stürzt ihn ob der vergeudeten Möglichkeiten noch mehr in Verzweiflung, als es die Schuld, die er zu tragen glaubt, ohnehin tut. 
Er wählt schließlich in der Konfrontation mit Trepkow den einfachsten Weg: Er fügt sich in das, was er als sein verdientes Schicksal betrachtet. So wird er es letztlich auch mit seiner zweiten Begegnung mit dem Treibsand halten - der Mann, der aus der Zeit und den geltenden Normen der Gesellschaft gefallen war, wird sich als tragische, gescheiterte Figur beugen und einen hohen Preis dafür bezahlen. Der Sand ist ein Leitmotiv der Romanerzählung, Jacobs Faszination verweist hierbei auf die Verwandtschaft seiner eigenen Persönlichkeit mit den kleinen Körnchen, welche er so zwanghaft sammelt. 
„Das Sandkorn“ ist eine gelungene Kombination verschiedener Genres, in der Christoph Poschenrieder die ausdrucksstarke wie tragische Geschichte der Menschen erzählt, welche ob ihrer Sexualität (oder wie bei Letizia - ihrem Einsatz für Frauen- und Menschenrechte) Außenseiter in einer Gesellschaft waren, die in ihrer beschränkten Weltsicht keinerlei Andersartigkeit und Diversität tolerieren konnte.

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