Freitag, 3. April 2015

Zwei Lolitas und der Weltuntergang: Süßer König Jesus

Süßer König Jesus (orig. The Last Days of California) 
von Mary Miller 
2013 Metrolit Verlag 
ISBN 978-3-8493-0311-2

Jess ist 15, ihre Schwester Elise 17, als ihr Vater wieder einmal alle Brücken hinter ihnen abbricht, weil die Apokalypse naht. Dieses Mal wirklich. Er packt Frau und Töchter in ihr Auto und beginnt einen wahnwitzigen Roadtrip vom bekannten Alabama nach Kalifornien, wo sie den Weltuntergang und die Rückkehr Jesu miterleben sollen. Auf dem Weg dorthin machen sie Halt an unzähligen Tankstellen, schäbigen Motels und Wafflehouses mit klebrigen Theken, immer einen der Flyer über den nahenden Weltuntergang in der Hand, den ihr fundamental-christlicher Vater gedruckt hat, um so viele Menschen als möglich zu retten. Dabei wäre Jess eigentlich nur gern wie ihre Schwester Elise: schön, schlank, begehrt, rebellisch. Stattdessen ist sie „etwas plump“ und alle sehen immer nur ihre schöne Schwester an, wenn sie ihnen begegnen, Jess ist neben ihr unsichtbar. Doch Elise hat ein Geheimnis, sie ist schwanger. 
Auf dem Weg nach Kalifornien, den letzten, den sie antreten werden, bevor die Welt untergeht, testen die beiden Schwestern ihre Grenzen aus, lernen Männer kennen, trinken heimlich Alkohol, nehmen Drogen und verschwinden in Badezimmern mit ihren Bekanntschaften. Aber wie soll man herausfinden, wer man eigentlich ist, wenn einem keine Zeit dazu bleibt?
 
Mary Millers „Süßer König Jesus“ ist ein kraftvoller Coming-of-Age Roman, dessen bittersüße  Tragik in den verzweifelten Versuchen der Protagonistin liegen, die zu sich selbst zu finden versucht. 
Aus Jess Innenperspektive erlebt der Leser nicht nur unmittelbar den Verlauf des Road-Trips, dessen Ende im Weltuntergang gipfeln soll - so plant es zumindest der fundamentalistische Vater, er hat sogar T-Shirts gedruckt für diesen Anlass - sondern auch Jess innere Widersprüche. Die Mutter bleibt trotz zahlreicher fehlgeschlagener Apokalypsen an seiner Seite und folgt ihrem Mann auch dieses Mal, gläubig und ahnungslos, was in ihren beiden Töchtern vorgeht. 
Elise ist alles, was ihre jüngere Schwester Jess so gerne wäre und Jess ist nicht nur einmal eifersüchtig auf sie. Dass sie schwanger ist, ist ihr Geheimnis, die Eltern dürfen es nicht erfahren. Obgleich sie ihre rebellischen, ausschweifenden Aktionen auf dem Road-Trip vor ihren gläubigen Eltern geheim halten wollen, sind diese doch völlig machtlos ihren beiden Töchtern gegenüber. Als Elise eine Nacht lang verschwindet, vermutlich mit einer ihrer männlichen Bekanntschaften, betet die Mutter für ihre Sicherheit, sie kann in Elise nur Schönheit gepaart mit Naivität entdecken. Dass Elise längst den Boden unter den Füßen verloren hat und immer stärker ins Dunkel abgleitet, ihre geheime Schwangerschaft der endgültige Beweis dessen, fällt der bigotten Mutter nicht auf. Ihr rebellisches Verhalten wird geduldet, so lange sie sich oberflächlich an die Regeln hält - das treibt Elise und auch Jess dazu, sich im Geheimen auszuprobieren, ihre Persönlichkeit und Sexualität allein zu entdecken und dabei viele falsche Entscheidungen zu treffen. Als ob etwas nicht geschehen sei, wenn nur niemand davon weiß - geschweige denn, darüber spricht. 
Mit dem Erwachsen werden sind die beiden Schwestern auf sich gestellt. Elise erscheint zwar stark, doch auch sie ist nur ein verletztes, vernachlässigtes Mädchen wie ihre Schwester, nur hat sie einen offensiven Weg der Kompensation gefunden. Jess ist hingegen die scheinbar bravere Schwester, auch sie kämpft darum, zu wissen, wer sie ist und wer sie sein wird. Ihren Mangel an Erfahrung versucht Jess zu kompensieren, indem sie Elise nachahmt, verschiedene Persönlichkeiten anprobiert wie schlecht sitzende Kleidung, mit ihrer Schwester Drogen nimmt, Jungs zu verführen versucht - aber Jess ist sich bewusst, dass sie nie so sein wird wie Elise. Nie so selbstbewusst, nie so geliebt und nie so begierig wie sie. Weil sie sich selbst nicht kennt, sich selbst nicht akzeptieren kann (noch nicht?), wird Jess nie dazugehören, wird sie sich selbst immer ausschließen, eine selbst errichtete unsichtbare Mauer um sich herum, die sie von den anderen trennt. Selbst die ganzen Informationen, welche sie zu sammeln versucht, werden das nicht ändern können. Das Ausprobieren der Schwestern nimmt exzessiver Züge an, je näher sie Kalifornien und der vermeintlichen Apokalypse kommen, drei Tage sind nicht viel Zeit, um sich selbst kennenzulernen. 
Ein starker, zuweilen melancholischer Coming-of-Age Roman über zwei lebenshungrige Schwestern auf der Suche nach Liebe und ihre waghalsigen Versuche, sich selbst zu finden.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

Oder doch lieber ab Mai als Taschenbuch bei dtv lesen?

Auch auf Englisch als Paperback erhältlich:
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen