Montag, 6. April 2015

Versunken im Spektrum der Farbe Blau: Bluets

Bluets 
von Maggie Nelson 
2009 Wave Books 
ISBN 978-1-933517-40-7

Was als unbestimmtes Thema für ein Buch begann, breitete sich nach und nach auf alle Aspekte des Lebens der Autorin aus. Blaue kleine und große Schätze mehrten sich; die historische, physikalische, literarische und musikalische Verwertung sowie die Bedeutung der einen, besonderen, lebendigen, vielgestaltigen Farbe - Blau - faszinierten mehr und mehr. Korrespondenz mit Menschen, die mit der Farbe in jeglicher Form zu tun haben, kommt ins Spiel, ebenso wie ein ganz bestimmter Mann, der „Prince of Blue“, dessen Augen die Frau, die sich in eine Farbe verliebt hat, nicht mehr loslassen. Er wird zum Inbegriff einer Schattierung derselben, ja zum Schatten über einem Lebensabschnitt von Maggie Nelson, tiefe Wunden zurücklassend. Die durch einen Unfall querschnittsgelähmte Freundin zu unterstützen in ihrem Schmerz und ihrer Hoffnungslosigkeit fällt nicht leicht, wenn man selbst gefangen ist in den Erinnerungen an ein wie flüssig wirkendes, irisierendes, nahezu überquellendes Blau. 
Immer tiefer verflechten sich literarisches Herantasten an das einer Hydra gleichende Blau mit dem Leben und Empfinden der Autorin, welche Blau in all seinen Schattierungen zum Ausdruck all dessen macht, was sie belastet - aber zugleich auch fesselt.

Mit „Bluets“ haben wir eine furios gelungene Chimäre aus Essay, Lyrik und philosophischer Abhandlung entdeckt. Eine wahre Rarität, ein kleiner, roher Diamant gespickt mit biographischen Schnipseln auf einer etymologischen wie historischen Spurensuche. Alles zirkulär um die Farbe Blau angeordnet. 
Blau in jeglicher Hinsicht: Ob als Farbe eines Gegenstandes, als Lichtphänomen, als Gefühlslage oder auch als Adjektiv, welches eine Person kennzeichnet. Wellenförmig stets um die eine, sie faszinierende Farbe, kreisend, ihren Anfang und ihr Ende in derselben findend, erforscht Maggie Nelson nicht nur die historische Geschichte der Farbe Blau oder ihre vielfältigen Einflüsse auf die großen Denker aller Zeiten (Goethe, Newton oder Wittgenstein seien hier nur als prominente Beispiele genannt), sondern ihre ganz persönliche, individuelle Beziehung zu der Farbe, in die sie sich verliebt hat. 
Doch das ist nicht alles - sie schreibt auch über den Verlust einer Liebe, die nachfolgende Depression, die Einsamkeit und Leere, welche ihr „Prince of Blue“ mit Augen so blau, dass ihre Farbe auszulaufen scheint, in ihr hinterlassen hat, als er sie verließ. Maggie Nelson schreibt über eine enge Freundin, die nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt ist und nähert sich deren Schmerz, Hilflosigkeit und Ohnmacht wie ihrem eigenen mit Hilfe und durch die Farbe Blau. Wie sie auch optisch unzählige Schattierungen besitzt, ebenso vielfältig ist diese in ihren Bedeutungen. Die Geschichte der Farbe Blau, die Ansichten der Schriftsteller, Physiker, Philosophen, Sänger und Künstler (Yves Klein findet hier natürlich Erwähnung) zu dieser besonderen Farbe dienen der Auslotung ihrer eigenen Gefühle, ihrer Situation, dem Verstehen ihrer gescheiterten Beziehung zum „Prince of Blue“, welche sie noch immer nicht loslässt, sie verfolgt und blockiert. Sorgsam, vorsichtig geradezu, ertastet und empfindet sie die Geschichte dieser Beziehung nach. Die Erotik spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle - selten liest man solch explizite Schilderungen, welchen es dabei dennoch gelingt eine gewisse flüchtige und ob dessen so zarte Eleganz inne zu haben. 
„Bluets“ ist jedoch kein Buch, welches sich ausschließlich mit negativen Erfahrungen befasst - Blau ist per Farbsymbolik auch nicht ausschließlich negativ, sondern durchaus auch positiv belegt. So findet die Autorin vielleicht durch ihre intensive Beschäftigung mit einer Farbe, in der sie sich selbst so sehr wiederfindet, mit der Zeit hin zu einer helleren Schattierung der geliebten Farbe, zu einem Blau, das Hoffnung und Ruhe verheißt. 
Ein wirklich ganz außerordentliches Buch, von dem ich hoffe, dass es noch zahlreiche Leser findet. Die Komposition aus Kunst und Literatur ist bei Maggie Nelsons „Bluets“ so nah beieinander angesiedelt, dass es fast schon töricht erscheint, das eine von anderen trennen zu wollen. „Bluets“ ist ein Buch, das einen nicht mehr loslässt und einem (statt nur trivial zu unterhalten) etwas so viel Wichtigeres gibt: Eben jenes, von dem man selbst nicht wusste, dass es einem fehlt.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

Dieses kleine Schmuckstück gibt es (leider) nicht auf Deutsch - lest es also im Original!
 

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