Montag, 27. April 2015

Das Leid unerwiderter Liebe: Widerrechtliche Inbesitznahme

Widerrechtliche Inbesitznahme (orig. Egenmäktigt förfarande -
en roman om kärlek) 
von Lena Andersson 
2015 Luchterhand Literaturverlag 
ISBN 978-3-630-87469-2

Ester Nilsson lebt seit vielen Jahren in einer wohlfunktionierenden, vernünftigen Beziehung mit Per. Sie hat Philosophie studiert und ist mit ihren 31 Jahren eine bereits mehrfach veröffentlichte Dichterin und Essayistin. In ihren Arbeiten sucht sie nach der Wahrheit, danach, wie die Welt tatsächlich ist. Als Ester einen Vortrag über den Künstler Hugo Rask halten soll, ist sie begeistert - Per und sie verfolgen dessen gesellschaftskritisches Schaffen seit Jahren aufmerksam. Gewissenhaft arbeitet sie sich in Hugos Schaffen ein, schreibt ihren Vortrag minutiös und kleidet Hugo dabei in ihre Worte, macht ihn sich so zu eigen. Am Abend des Vortrags ist es schließlich so weit: Ester lernt Hugo, mit dem sie sich so intensiv beschäftigt hat, endlich kennen. Dieser Moment verändert für sie alles, sie verliebt sich Hals über Kopf in Hugo. 
Eine sanfte, vielversprechende Konversation findet an diesem Abend ihren Anfang, Ester lässt nichts unversucht, um mit Hugo in Kontakt zu treten. Ihre Beziehung zu Per leidet unter ihrer emotionalen Abwesenheit und es kommt zum Bruch. Doch Ester war nie glücklicher - sie hofft auf eine Erwiderung ihrer Gefühle durch Hugo. Immerhin teilen sie Abende intensivster Gespräche und schließlich auch mehr. Ester gerät mehr und mehr in Abhängigkeit von Hugo und muss schließlich erkennen, dass sie sich in ihrer blinden Verliebtheit andere Vorstellungen als Hugo gemacht hat.


„Widerrechtliche Inbesitznahme“ ist ein wirklich ebenso großartiger wie intelligenter Roman über das Dilemma unerwiderter Liebe. Es ist schrecklich, wie sehr man sich als Leser in Esters Verzweiflung und ihrer stets wieder aufkeimenden Hoffnung wiederfindet, dieses Schreckliche macht jedoch die Einzigartigkeit und Größe dieses Romans aus. 
Ester entbrennt in blinder Liebe zu einem Mann, den sie kaum kennt. Die Intellektuelle erliegt einer Emotion, zu stark, als dass sie sich ihrer erwehren könnte. Hugo dagegen, das Objekt ihrer verzweifelten Begierde, ist ein Mann, der Frauen auf Distanz hält, der sie verachtet, weil sie immer zu viel von ihm erwarten; Liebe und Zuverlässigkeit, die er nicht geben kann und nicht mehr zu geben bereit ist. Er ist ein leidlich gebildeter Narzisst, dem es nur um sich selbst geht, und obgleich Ester ihm intellektuell zweifellos überlegen ist und sie dies auch am Rande ihres Bewusstseins wahrnimmt, verdrängt sie dies und die Tatsache, dass es in ihren Gesprächen nie um sie oder ihre Bedürfnisse geht. Hugo liebt die Aufmerksamkeit, er braucht die Liebe der Massen und weiß sich diese zu sichern. Fremden gegenüber, welche ihm und seinem Ruf am gefährlichsten werden könnten, zeigt er sich besonders freundlich und nett, um sie auf seine Seite zu ziehen. Von Frauen, die ihm nahe kommen und zu viel von ihm erwarten, distanziert er sich, er scheut die Konfrontation und besiegelt die Beziehungen lieber mit Schweigen. Er zieht es vor, sich mit gedankenlosen Bewunderern und Speichelleckern zu umgeben, die hoffen, etwas von seinem Genie oder doch zumindest von dem, was ihm zu Berühmtheit verholfen hat, würde auf sie abfärben. Kritik an sich oder seinem Werk sieht er dabei äußerst ungern, er ist nicht bereit, über sich selbst und seine Handlungen zu reflektieren - Ester muss schmerzlich erfahren, dass er es vorzieht, gebauchpinselt zu werden anstatt auf seine sich stets wiederholenden, unausgereiften Ansichten hingewiesen zu werden. Er ist ein Pseudointellektueller, dessen Bildung und Verständnis nicht über Gemeinplätze und griffige Parolen hinausreicht. Ester bemerkt dies mit leichtem Unbehagen, redet sich jedoch ein, dass das nichts ausmacht und nimmt sich selbst und ihre Meinungen zurück. 
Je näher Ester Hugo kommt, desto weiter zieht dieser sich zurück, beziehungsunfähig wie er ist. Hugo schätzt die Bewunderung und Liebe, die ihm die Frauen, seine Verehrerinnen, so selbstlos entgegenbringen - doch Erwartungen an ihn haben sie nicht zu stellen. Ester kann solch ein unverbindliches, selbstsüchtiges Verhalten nicht begreifen, für sie hat Sex etwas Bindendes, das eine Verpflichtung schafft. Hugo straft sie dafür mit Schweigen und Nichtachtung ab. Esters Verzweiflung und Schmerz steigern sich, doch sie lässt nichts unversucht, Hugo zu erreichen und ihn von sich zu überzeugen - ohne zu erkennen, dass es da nichts zu gewinnen gibt. Hugo hat kein Interesse an einer echten Beziehung, Treue lehnt er als einengende Konvention ab. Da er jedoch nicht widerstehen kann, von Ester geliebt zu werden und es nicht ertragen könnte, ihren Widerwillen auf sich zu ziehen, versteht er es geschickt, jedes Mal, wenn sie sich etwas aus seinem Bann befreit hat, ein neues unverbindliches Samenkorn der zerstörerischen Hoffnung auszustreuen, auf das sich die verzweifelte und vor unerwiderter Liebe wahnsinnig werdende Ester ausgehungert stürzt.
„Widerrechtliche Inbesitznahme“ hat mich wie kein anderer Roman gefangen genommen und mich mit der Schärfe seiner Beobachtung beeindruckt. Esters Leidensweg wird dabei stets kommentiert und analysiert von einem auktorialen Erzähler, der uns Lesern all jenes offenbart, was einer Liebesblinden entgehen muss. 
Lena Andersson hat einen phantastischen Roman über das Leiden unerwiderter Liebe geschrieben, doch das ist nicht ihr einziges Thema. Sie schreibt zugleich auch über die unersättliche Bestie Hoffnung, die uns Menschen erst in solche Abhängigkeiten geraten lässt. Hugo Rask ist außerdem der Prototyp eines Mannes, der Frauen verachtet aber dennoch für seine eigenen Zwecke schamlos ausnutzt. Welchen Schaden er dabei anrichtet, kümmert ihn nicht, emotionale Verwicklungen und Abhängigkeiten sind nicht sein Problem - die Frau ist doch selbst schuld, wenn sie nicht erkennen kann, dass er nicht mehr von ihr will und ihr nicht mehr geben kann! 
In großer Literatur erkennen wir Leser uns selbst wieder. Noch größere, bleibende Literatur lässt uns zusätzlich verstehen, weshalb wir und die anderen so gehandelt haben. „Widerrechtliche Inbesitznahme“ ist solch ein Roman.

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http://www.randomhouse.de/Buch/Widerrechtliche-Inbesitznahme-Roman/Lena-Andersson/e475598.rhd
  

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