Montag, 1. Juni 2015

Entmenschlichung versus Emotion: Planet Magnon

Planet Magnon 
von Leif Randt 
2015 Kiepenheuer & Witsch 
ISBN 978-3-462-04720-2
                                           
Ein anderes Sonnensystem, vielleicht in einer nahen Zukunft. Hier leben die Menschen auf fünf Planeten, die in engem Kontakt und Austausch stehen. Seit etwas weniger als einem halben Jahrhundert wird alles in diesem Sonnensystem durch ein anpassungsfähiges, auf die Wünsche der dort lebenden Menschen abgestimmtes Computersystem namens AS (ActualSanity) reguliert. 
Die Mehrheit der Menschen hat sich in Kollektiven mit variierenden postpragmatischen Wertesystemen zusammengeschlossen, ein kleiner Rest bleibt kollektivlos. 
Marten Eliot ist gemeinsam mit Emma Glendale, einem früheren Schwarm seinerseits, Spitzenfellow eines der größten Kollektive, der Dolfins. Gemeinsam sollen sie das Kollektiv vertreten und neue Mitglieder durch Vorträge und Kampagnen anwerben. Die Zeiten sind jedoch unruhig geworden, ein neues, potentiell gefährliches Kollektiv, das Kollektiv der Gebrochenen Herzen, genannt Hank, macht mit einschüchternden Anschlägen auf sich aufmerksam. Während Marten immer stärker an sich selbst, den Dolfins und der AS zweifelt, breiten die Hanks ihr Einflussgebiet stetig aus. Angeführt von einem mysteriösen Mädchen mit einer Tigermaske fordern sie Aufmerksamkeit für ihren Schmerz und ihre Verzweiflung für die sie die anderen Kollektive und ActualSanity verantwortlich machen.
Marten versucht indes herauszufinden, wo sein Platz in all dem liegt.

Man kann Leif Randts mitreißenden Roman „Planet Magnon“ durchaus als reine Sci-Fi lesen, es würde einem jedoch sehr viel entgehen, da er seinen Lesern zudem ein ausgesprochen vielschichtiges Gesellschaftsportrait liefert, welche der unseren gar nicht so fern ist, wie es erscheinen mag. Diese Gesellschaft, geleitet durch eine künstliche Intelligenz, die stetig auf Grund von Erhebungen unter der Bevölkerung des Sonnensystems ihre Regelungen exakter den Bedürfnissen derselben anpasst, unterscheidet sich dabei - abgesehen vom Setting des Plots und den technologischen Errungenschaften - nicht grundlegend von der unsrigen. 
Die Kollektive vertreten verschiedene Geisteshaltungen und Weltansichten, die sich auch in unserer Zeit schon voneinander differenzieren, ihre Organisation und ihr Einfluss ist dabei bemerkenswert. Schon im Kindesalter werden Bewerber angeworben, um so bald als möglich im Sinne des Kollektivs erzogen und geformt zu werden. Im Falle der Dolfins bedeutet dies eine elitäre Zurückhaltung der Umgangsformen, dennoch Offenheit gegenüber allen Neuerungen und anderen Kollektiven und diverse Praktiken der PostPragmaticJoy-Theorie. Ihre Offenheit geht dabei so weit, dass die Dolfins sich in den vergangenen Jahrzehnten jegliche neuen, ihnen sinnvoll erscheinenden Strömungen einverleibt haben, was mehr als nur an Opportunismus grenzt. Das angestrebte Ziel ihrer Bewegung ist der „völlig frei schwebende[n], souverän tastende[n] Postpragmatiker“ - der ultimative Opportunist also, ohne klares Profil, völlig frei von eigenen Werten. Marten, dessen Namen wir erst recht spät erfahren, wird als solcher von seinem Kollektiv gehandelt. Er selbst empfand und empfindet es jedoch immer als Mangel, sich nicht spezifiziert zu haben und noch nicht in der Lage gewesen zu sein, einen eigenen Eintrag für den Almanach der Dolfins verfasst zu haben. Im Verlauf der Handlung zweifelt er immer stärker an sich und hadert mit seiner eigenen Unzulänglichkeit wie der der AS, welche das Verhalten der Hanks zu dulden scheint und auch sonst fragwürdige Entscheidungen trifft.
Auf dem mittlerweile unbewohnbaren Müllplanet Toadstool werden beispielsweise extra dafür ausgeloste Sonnensystembewohner geschickt, um dort die Müllsortierung und -verwertung für einen gewissen Zeitraum vorzunehmen, scheinbar zum Wohl aller - andererseits kann es durchaus auch als eine persönliche Katastophe und Bestrafung angesehen werden. 
Aus diesen entweder hierdurch, durch die Ablehnung bei den Kollektivaufnahmeverfahren oder durch persönliche Zurückweisung auf dem Gebiet der Liebe Enttäuschte werden zum Sammelbecken, aus welchem das Mädchen mit der Tigermaske ihre Anhänger schöpft. Mit drastischen Anschlägen voller zerstörerischer Gewalt machen sie auf verschiedenen Planeten auf sich aufmerksam, ein medienwirksames Interview und omnipräsente, depressiv-tragische Liebesbriefe enttäuschter Gebrochener Herzen fluten daraufhin das Sonnensystem, in welchem Beziehung in den meisten Kollektiven als etwas Temporäres, nicht Bindendes angesehen werden. Den Hanks begegnet man daher mit Unverständnis, da es als nicht sinnvoll oder zielführend angesehen wird, sich bereits in jungen Jahren an nur eine Person zu binden - das bleibt den älteren Generationen vorbehalten. Auch Marten verfährt nach diesem aufoktroyierten Schema, obgleich er sich stets nach Emma sehnt. Die Verleugnung dessen ist jedoch zu groß, als dass er sich das eingestehen könnte. 
„Planet Magnon“ ist eine ebenso fesselnde wie beängstigende Zukunftsvision, welche jedoch das Fünkchen Hoffnung nicht ermangelt. Denn auch in dieser bis zum Opportunismus und der Erstarrung rational postpragmatisch geprägten Gesellschaft gibt es doch jene, welche sich abgrenzen, gegen die Ungerechtigkeit aufbegehren und Ehrlichkeit für sich und ihre Emotionen einfordern - die Menschheit ist daher auch in einer Zeit der entmenschlichten, emotionslosen Technisierung nicht gänzlich verloren. Es geht in Leif Randts Roman um persönliches und gesellschaftliches Scheitern, das endlich eine Reaktion in den starr und taub gewordenen Kollektivanhängern hervorruft. 
Sci-Fi ist sonst nicht wirklich mein Genre, das muss ich zugeben, Leif Randt weiß mit phlegmatischer, vor Unterkühlung strotzender Prosa jedoch von sich und seinem gelungenen Zukunftsentwurf zu überzeugen. Das angehängte Glossar ist ein netter Zusatz, den der großartige Roman jedoch kaum benötigt. 
Zuletzt muss die außergewöhnlich liebevolle Gestaltung noch Erwähnung finden: Schwarzes Leinen, geprägt mit kupferfarbenen Lettern, diese Farbsymbolik setzt sich erfreulicherweise auf den wundervollen Vorsatzpapieren fort und lässt das Herz eines jeden Bibliophilen höher schlagen.

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