Freitag, 19. Juni 2015

Macht und Schein: Der Fremde im Palazzo d'Oro

Der Fremde im Palazzo d’Oro (orig. The Stranger at the Palazzo d’Oro) 
von Paul Theroux 
2015 Hoffmann und Campe 
ISBN 978-3-455-40523-1

Einmal die Welt bereisen, einmal Italien erleben - diese Reise macht ein amerikanischer Student in den 60er Jahren. Er reist von Stadt zu Dorf zu Stadt, gerade ist er in Sizilien, genauer: in Taormina, angekommen. Diese kleine Stadt hat es ihm angetan wegen ihrer Verbindung zu D.H. Lawrence, der hier eines seiner berühmtesten Gedichte verfasst haben soll. Wenige Touristen halten sich dort auf, viel zu heiß ist der sizilianische Sommer zu dieser Zeit des Jahres. 
Der namenlose Erzähler ist ein ehrgeiziger junger Mann, seine Mittellosigkeit nutzt er als Rechtfertigung und begehrt dabei doch nichts mehr, als reich zu sein. Deshalb fällt ihm auf der Terrasse des berühmten Palazzo d’Oro auch sogleich das schöne, wohlsituierte Paar auf, welches er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit durch seine Skizzen auf sich aufmerksam zu machen sucht. Das Paar ist jedoch kein Paar - doch reich sind sie ohne Zweifel, der Erzähler ist angetan und lässt sich bereitwillig auf Harouns unmoralisches Angebot ein: Er sei eingeladen, mit ihnen (der Gräfin und Haroun, ihrem Arzt) auf dessen Kosten im Palazzo d’Oro zu bleiben und ihnen Gesellschaft zu leisten. Doch das ist nicht die einzige Bedingung - was zunächst als glückliche Fügung des Schicksals erscheint, erweist sich als folgenschwerste Begegnung seines Lebens.
  
„Der Fremde am Palazzo d’Oro“ ist ein ausgesprochen erotisch aufgeladener Roman, dessen Darstellungen von Sexualität, Erotik und Macht nicht besser beobachtet und in suggestiverer Prosa verpackt sein könnten. 
Der namenlos bleibende Erzähler schreibt in der Rahmenhandlung, welche das erste und letzte Kapitel umfasst, die Geschichte dieser Begegnung in der Hitze des sizilianischen Sommers nach vierzig Jahren nieder. Er ist schon lange kein mittelloser Student mehr, ganz so wie es ihm die Gräfin in diesem Sommer prophezeite, hat er es als gefeierter aber nicht unumstrittener Künstler zu Ruhm und Reichtum gebracht. Retrospektiv erzählt er uns nun, erneut in Taormina am Palazzo d’Oro angekommen, von dem einen Sommer, welcher sein Leben prägen sollte. 
Jung, ehrgeizig, intelligent, gebildet und gutaussehend ist er, als er als Student Italien bereist. Taormina sollte nur eine von vielen Stationen werden, doch die Begegnung im Palazzo d’Oro verändert nicht nur seine Reisepläne, sondern auch ihn selbst und den Verlauf seines Lebens. Getrieben von Neid und Gier, will er nichts anderes als das scheinbar sorgenfreie und müßiggängerische Leben der Reichen leben. Da kommt ihm die Gelegenheit, die Haroun, ein orientalisch-stämmiger Arzt, ihm bietet, gerade recht. Schnell gewöhnt er sich an die Vorzüge des Geldes - er genießt sein kostspieliges Zimmer, die reichhaltigen Mahlzeiten und die Ausflüge aufs Land mit seinen Gastgebern. Doch es ist nicht reine Philanthropie auf Grund welcher Haroun unserem mittellosen Studenten all dies darbietet; ganz im Gegenteil, er hegt eigene Absichten und hat eine sehr spezielle und etwas unmoralische Aufgabe für ihn: Er soll die Gräfin, unnahbar, arrogant und dennoch übernatürlich schön, verführen. Sie sei unglücklich und glaube nicht an ihre eigene Schönheit. Der Erzähler ist Feuer und Flamme - nichts leichter und angenehmer, als eine solch interessante und begehrenswerte (da reiche und aristokratische) Frau zu verführen. Das Unterfangen erweist sich jedoch als schwieriger als erwartet, denn die unzugänglich kalte Gräfin interessiert sich wenig für den amerikanischen Studenten, sei er noch so zuvorkommend, charmant oder intelligent. Erst durch eine (durchschaubare) Finte Harouns kann der Erzähler sie langsam für sich gewinnen. 
Was ihn jedoch erwartet, hätte er sich ihn seinen wildesten Träumen nicht ausmalen können: Die Gräfin ist trotz ihres höheren Alters eine ausdauerndere, anspruchsvollere und phantasievollere Liebhaberin als er je hatte. Ihr Hunger und ihre Erwartungen zehren an ihm, ihr Spiel aus Beleidigung, Unterwerfung und Dominanz schürt seine Abneigung ihr gegenüber ebenso stark wie seine rohe Begierde. Um der Dominanz der Gräfin zu entfliehen, müsste er jedoch den Komfort und Genuss aufgeben, den ihr Arrangement und Geld ihm ermöglichen. Dennoch kann erst ihr größtes wie schockierendstes Geheimnis dem Erzähler seine Unfreiheit, Oberflächlichkeit und Blindheit vor Augen führen. 
„Der Fremde im Palazzo d’Oro“ erscheint auf den ersten Blick als leichte Sommerlektüre. Hinter dieser ersten Täuschung, verpackt in wundervoll irisierendes, geprägtes Leinen, versteckt sich jedoch eine Geschichte voll roher, animalischer Sexualität. Das Flirren der sexuell aufgeladenen Stimmung in Taorminas sommerlicher Hitze, die egoistischen Motive aller handelnden Figuren, das gefährliche Spiel der Gräfin aus Abhängigkeit, Unterwerfung und Dominanz und nicht zuletzt ihr Geheimnis machen Paul Theroux Roman zu einem der besten, den ich dieses Frühjahr lesen durfte. Mit seiner mühelos erscheinenden sprachlichen Präzision, mit vor Erotik und Unterbewusstem strotzender Prosa gelingt es ihm, die Abgründe und Machtverhältnisse in dieser fragilen, egozentrischen Beziehung messerscharf und hypnotisierend darzustellen. Paul Theroux Roman „Der Fremde im Palazzo d’Oro“ handelt von einer lebensbestimmenden Begegnung, von Egoismus und Oberflächlichkeit, von Macht und Abhängigkeit und nicht zuletzt vom blendenden, erotisierenden Zauber des äußeren Scheins.

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