Montag, 15. Juni 2015

Unheilvolle, rohe Emotion: Isabel & Rocco

Isabel & Rocco (orig. Isabel and Rocco) 
von Anna Stothard 
2014 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-30027-7

Isabel und Rocco sind unzertrennlich. Zwei Geschwister, die die Welt um sie herum und damit auch die eigenen Eltern als Eindringlinge in ihr perfektes, kleines Universum erleben. Ein Leben ohne Rocco - unvorstellbar für Isabel. Zusammen schaffen sie sich ihre eigene, lebenswerte Realität in der undurchdringlichen Abgeschiedenheit ihrer gemeinsamen Dachkammer. Je älter sie werden, desto mehr distanzieren sie sich von ihren Eltern, deren Ehe nur noch aus Streit und der Krankheit des Vaters zu bestehen scheint. Den Eltern bleiben ihre beiden wilden Kinder immer fremd: Der aufrührerische Rocco, dessen Blick allein die Mutter schon aus dem Konzept bringt und der immer nur Ärger macht und die stille Isabel, welche sich immer auf die Seite ihres Bruders schlägt. Als die Eltern mehr und mehr von ihren eigenen Problemen eingenommen werden, überlassen sie die beiden Teenager zunehmend sich selbst. In Rocco und Isabels selbstgestalteter Welt voll kindlicher Träume und naivem Verhalten ist auch kein Platz für die harte Realität. Die beiden klammern sich immer stärker aneinander, vor allem nachdem die Eltern ohne ein Wort von einem Tag auf den anderen verreisen. Komplett auf sich zurückgeworfen, rutschen Isabel und Rocco immer mehr in die Grauzonen des Lebens ab, wo Richtig und Falsch nicht mehr eindeutig zu unterscheiden sind.

Anna Stothards bestürzend emotionaler Debütroman „Isabel & Rocco“ ist geprägt von einer sprachlichen Rohheit und Wucht, welche man selten in solch geballter wie kunstvoller Form vor sich findet. 
Isabel ist die Chronistin und Ich-Erzählerin ihrer Geschichte und der ihres unnahbaren Bruders. Retrospektiv schreibt sie über ihre lebensverändernden Erlebnisse seit dem Tag, an welchem ihre Eltern sie kurzerhand und ohne weitere Meldung zurückgelassen haben. Immer wieder nimmt sie dabei Bezug auf prägende Ereignisse und zentrale Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die sie und ihren Bruder gegen die verständnislosen Eltern zusammengeschweißt haben. Roh und träumerisch, dabei immer ein klein wenig kindisch, bleibt Isabel dabei in ihrer eigenen Vorstellungswelt zwischen Kindheit und Erwachsenenalter gefangen. Nichts wäre schlimmer für sie, als erwachsen zu werden (außer natürlich, ohne Rocco leben zu müssen), so vertrocknet wie ihre Mutter und ihr Vater, welcher in den letzten Jahren vor ihrem Augen dahingeschwunden ist - und mit ihm die Fröhlichkeit und die Freude in der Familie. Zu seinen sich häufenden Krankheiten, für deren wahre Ursache Isabel blind bleibt, kommen dann auch nach und nach Geldsorgen, denn der Antiquitätenladen wirft nicht genug ab, Rechnungen müssen bezahlt werden. Streit, Schweigen und lautloser Verfall machen sich breit und verhärten die Fronten zwischen Eltern und Kindern nur noch mehr. Der Weggang trifft Isabel dennoch völlig unvorbereitet, sie hofft stets auf eine Nachricht, irgendwas - aber als die Eltern schließlich das Haus verkaufen, ohne ihr und Rocco Bescheid zu geben, ist der Verrat offensichtlich und sie kann sich nicht mehr einreden, dass dieses Gefühl, das sie für ihre Eltern hegt, etwas anderes als blanker Hass ist. Dass nebenbei ihre erste Beziehung mit Jackson einen mehr als ungünstigen Verlauf nimmt, gereicht der fragilen Gesamtsituation der Geschwister nicht zum Vorteil. Als dieser sie verlässt, obwohl sie mit ihm geschlafen hat und in der Schule auch noch verbreitet, sie und Rocco hätten ein inzestuöses Verhältnis, zieht sich Isabel langsam auch von diesem Stück Realität zurück. Sie war ohnehin immer eine Außenseiterin in der Schule, durch Jacksons Verleumdungen und Lügen vergeht ihr das letzte Fünkchen Sinn, welches sie im Schulbesuch sieht. Doch damit nimmt die furiose Abwärtsspirale, in der sich Isabel und Rocco befinden, noch lange kein Ende. 
„Isabel und Rocco“ ist ein wuchtiges, emotional vielschichtiges Debüt, abgründig bis in die letzte Zeile. Isabel und Roccos Gedankenwelt zieht einen als Leser in ihren hypnotischen Bann, die sexuelle Spannung zwischen den einzelnen Figuren ist beinahe greifbar. Anna Stothard gelingt es, die selbstzerstörerische Eigendynamik dieser auf sich allein gestellten Geschwisterbeziehung glaubhaft und deshalb umso erschreckender in ihrer naiven Rohheit darzustellen. Den langsamen Verfall, sowie die stetige Abwärtsspirale hin zu immer stärkerer Abkapselung von ihrer Umwelt und der Realität bis hin zur eigenen, graustufigen Moral ihres kleinen Kosmos so suggestiv und mitreißend durch Isabels Stimme zu schildern setzt großes literarisches Können voraus.

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Das englische Original ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.
 

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