Zwischen Reaktionärem und Aufbruch: Friedhof der Unschuldigen
Jean-Baptiste Baratte, ein junger Ingenieur in einfachen Verhältnissen
in der Normandie aufgewachsen, erhält 1785 in Versailles den Auftrag seines
Lebens: Er soll im Pariser Stadtteil Les Halles den Friedhof der Unschuldigen
samt Kirche abreißen. Der Friedhof, auf dem seit Jahrhunderten Leichen
verscharrt werden, vermag seine Toten nicht mehr in der Erde zu halten. Er
quillt sprichwörtlich über und bringt diejenigen, die dort zur letzten Ruhe
gebettet werden sollten, wieder ans Licht des Tages. Nach Ansicht der Obrigkeit
in Versailles verseucht er damit die Stadt nicht nur gesundheitlich, sondern
auch moralisch.
Zunächst zeigt sich Jean-Baptiste noch optimistisch und voller
Tatendrang, schließt auch schnell Freundschaft mit einem Organisten, doch bald
sieht er sich konfrontiert mit abergläubischen Arbeitern aus Flandern,
verdächtigen Unfällen und Anfeindungen im Viertel. Denn nicht alle wollen, dass
ihr Friedhof verschwindet.
Zugleich stürzt er sich auch noch in eine Liebesaffäre mit der
Prostituierten Héloise, wegen ihrer Ähnlichkeit mit Marie Antoinette die
Österreicherin genannt, was die Tochter des Küsters, bei dem er Unterkunft
erhalten hat, gegen ihn aufbringt, denn sie hat selbst ein Auge auf den jungen
Ingenieur geworfen.
Die Auslöschung des Friedhofs und der Kirche gestalten sich
schwieriger, kräftezehrender und gefährlicher als Jean-Baptiste zunächst
geglaubt hatte.
Mit seinem historischen Stoff, angesiedelt am Vorabend der
Französischen Revolution, weiß uns Andrew Miller den Atem zu rauben.
Er beschreibt die Ausgrabungen und Funde auf dem Friedhof derart
opulent und olfaktorisch, dass man als Leser beinahe schon den Gestank der
Verwesung in der Nase kitzeln spürt. Der Ekel, den er dadurch beim Leser
auslöst, zieht einen nur noch stärker in die an sich schon rasante, fesselnde
Romanhandlung.
Neben dem Liebesdreieck, das zum Drama wird, erleben wir die
Schattenseiten eines labyrinthischen Viertels, das wohl tatsächlich durch die
Ausdünstungen des berstenden Friedhofs verseucht wird – an sich pars pro toto
stehend für gesamt Paris, das an seinen eigenen moralischen Unmenschlichkeiten
zu ersticken scheint.
Der gesamte Roman liest sich als Parabel, als Vorausdeutung auf das,
was in den Jahren darauf, angestoßen durch den Sturm auf die Bastille 1789, in
Paris an Umstürzungen vor sich gehen sollte. Mit zarten, immer wieder zufällig
wirkenden, zum Teil kaum wahrnehmbaren Hinweisen, stößt uns der Autor stets
wieder darauf.
Der Verlauf des Abrisses der Kirche und des Friedhofes, welcher blutige,
brutale Ausmaße annimmt, ist in sich selbst ein Hinweis auf den kommenden Verlauf
der Revolution, die gleich Saturn ihre eigenen Kinder fressen sollte.
Ein Unterfangen, das dem Wohl des Volkes dienen sollte, der Abriss
einer einsturzgefährdeten Kirche, die Umverlegung und Modernisierung eines
überfüllten Friedhofes, geraten außer Kontrolle und nehmen dramatische Formen
an, bevor ein neuer Tag, ein neues Zeitalter anbrechen kann.
Reaktionäres und Modernes stehen sich ständig direkt gegenüber in
diesem wundervollen historischen Roman - der Kampf dieser beiden Kräfte um die
Oberhand manifestiert sich nicht nur in den einzelnen Romanfiguren, sondern bewegt
die Romanhandlung und den Lauf der Geschichte an sich.
Solch subtile Kunstfertigkeit kann nur ein wahrlich großartiger Autor und
Romancier besitzen.
Friedhof der Unschuldigen (orig. Pure)
von Andrew Miller
2013 Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-552-05644-2
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