Montag, 2. Februar 2015

Exzesse en masse: Biester


Biester (orig. Animals) 
von Emma Jane Unsworth 
2014 Metrolit Verlag 
ISBN 978-3-8493-0350-1

Laura, Anfang dreißig, noch kein bisschen erwachsen, arbeitet in einem Callcenter, obwohl sie eigentlich schon seit Jahren vergeblich und mittlerweile mehr als etwas verzweifelt versucht, ihren Roman zu schreiben. Aber der Roman will einfach nicht kommen – oder will Laura am Ende gar nicht? Anstatt zu schreiben, stürzt sie sich wieder und wieder in endlos exzessive Partynächte mit ihrer besten Freundin Tyler, die zwar unwesentlich jünger ist als Laura, aber dennoch nicht viel mehr vorzuweisen hat: Eine Wohnung, die sie ihrem Vater abgenötigt hat und einen Job im Coffeeshop. 
Es könnte sich aber bald etwas gravierend verändern in Lauras und Tylers Co-Abhängigkeit, denn Laura ist jetzt verlobt. Jim war früher genau wie Laura und Tyler, doch seit seine Karriere als Pianist Fahrt aufgenommen hat, hält er sich fern von Alkohol, Drogen und Partys. Was Laura nicht gerade von sich behaupten kann. Tyler scheint umso erpichter, Laura in einen Strudel aus Alkohol, Blackouts, Verwüstung und „Morgen danach“ zu ziehen, jetzt, da Lauras Verlobung alles in Frage stellt. Schließlich kann sie diesen Lebensstil kaum weiterführen, wenn sie erst mit dem abstinenten Jim verheiratet ist (und wohnen wird sie dann wohl auch bei Jim und nicht bei Tyler …). 
Als sei das nicht genug, beginnt auch Lauras Beziehung mit Jim immer mehr zu bröckeln, Lebensziel und –anschauungen variieren dann doch zu sehr. Laura muss  beginnen, sich sich selbst zu stellen, ihrem verkorksten Leben, ihren verpassten Chancen, wenn sie nicht den Rest ihrer Jugend im Schatten der extrovertierten, vorlauten Tyler verbringen will.

Wie die endlose Partynacht, nach der Tyler zu streben scheint, liest sich dieser Roman. Er ist frisch, ehrlich, dabei humorvoll und nimmt kein – wirklich absolut kein – Blatt vor den Mund; Unsworth schreibt, was andere sich nicht einmal zu flüstern trauen. 
Mit Laura haben wir eine verlorene Protagonistin vor uns, die mit sich selbst nicht allzu viel anzufangen weiß. Sie folgt Tyler, einer extrem extrovertierten, lauten Persönlichkeit überall hin, weil Tyler nun mal ihre momentane Bezugsperson und somit beste Freundin ist. Von einer früheren Freundin, so empfand Laura sie zumindest, hat sie ihre scheinbar einzige Lebensweisheit aufgeschnappt, an welche sie sich in ihrem Taumel aus Absturz und Betäubung verzweifelt klammert: „Weiße Pisse gut, dunkelgelbe schlecht“. Allein das sollte uns schon deutlich machen, mit was für einer verlorenen, verwirrten Persönlichkeit wir es zu tun haben. Laura lässt sich treiben, schwimmt mit ihrem Strom, also Tyler, und vergisst dabei, sie selbst zu sein, sich eigene Ziele zu suchen und diese zu verwirklichen. Mit Anfang dreißig wird es aber dann doch auch für Laura irgendwann Zeit, zu erkennen, dass sie ihr eigenes Leben verpasst und versuchen sollte, erwachsen zu werden, die Partys hinter sich zu lassen und endlich ihren eigenen Weg zu finden. 
Emma Jane Unsworth zeigt uns das Paradebeispiel einer verlorenen Generation, weder mit Ziel noch Motivation gesegnet, verloren in der Betäubung einer nie endenden Partynacht. Als Chronistin dieser Generation, mit dem Talent, das Ganze noch mit einer Prise enorm englischen, schwarzen Humors zu versetzen, beweist sich Emma Jane Unsworth als eine phantastische, talentierten Autorin, von der bestimmt nicht nur ich mehr lesen möchte.

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