Samstag, 7. Februar 2015

Finnische Romankunst - Troll: Eine Liebesgeschichte

Troll: Eine Liebesgeschichte (orig. Ennen päivänlaskua ei voi) 
von Johanna Sinisalo 
2005 Tropen Verlag 
ISBN 978-3-932170-74-1

Mikael, genannt Angel, ein gutaussehender Werbephotograph, rettet nach einer enttäuschenden und alkoholgetränkten Nacht einen jungen Troll vor einer Horde Jugendlicher. Er beschließt, den Troll, den er später Pessi taufen wird, mit zu sich in die Wohnung zu nehmen und ihn aufzupäppeln. Ein wildes Raubtier in einer Wohnung eingepfercht? Was fressen Trolle überhaupt? Angel hatte so einiges nicht durchdacht, als er aus Mitleid und einem starken, unerklärlichen Verlangen Pessi bei sich aufnahm. Als Pessi langsam genest, wird Angels Bindung zu ihm immer stärker, er will Pessi um jeden Preis beschützen und stößt dabei auch Martes von sich, den er zuvor so verzweifelt wie unerwidert begehrte. Pessi beschützt sein Alphamännchen Angel ebenso eifersüchtig, seine Pheromone bringen dabei Angels Liebesleben nicht nur ein wenig durcheinander: Statt Martes begehrt er Pessi, den Troll; lebt seine Leidenschaft, die er selbst als unnatürlich empfindet, aber stellvertretend mit dem unsterblich in ihn verliebten Ekke aus; seinen Ex, einen Tierarzt, nutzt er nur noch aus, um Pessi zu helfen; die thailändische  Katalogbraut des Nachbarn, Palomita, erhofft sich unterdessen von Angel einen Ausweg aus ihrer brutalen Ehe. 
Lange kann man einen eifersüchtigen Troll bei derartigen Beziehungsverwirrungen kaum geheim halten, die Situation droht – da Pessi nun auch als Model in der neuesten Werbekampagne von Martes und Angel zu sehen ist – zu eskalieren. 
Am Ende bleiben Angel nur Pessi und eine Verzweiflungstat.

Finnische Literatur wirkt auf uns Mitteleuropäer im generellen meist seltsam. Wirklich äußerst seltsam. Mit „Troll: Eine Liebesgeschichte“ hat Johanna Sinisalo einen schrägen, unterhaltsamen und fesselnden Roman geschrieben, der jegliche Genregrenzen sprengt. 
Die Romanhandlung basiert auf einer simplen und nicht unwahrscheinlichen Annahme: In Sinisalos Romanwelt sind Trolle keine Fabelgestalten, sondern spät entdeckte Raubtiere, verwandt den Katzenaffen Südostasiens, mit einer evolutionären Entwicklung vergleichbar der des Menschen. Pessi, der junge Troll, zeigt menschliche Intelligenz, Kreativität, Erinnerungsvermögen, Lerneifer,  Eifersucht und schließlich Mordlust. 
Die Beziehung Angels zu Pessis wirkt auf den Leser verwirrend – aus Mitleid wird rücksichtslose, animalische Begierde, doch Pessi bleibt als Troll ein Tier und dazu noch ein junges, was so manchem Leser unangenehm aufstoßen dürfte. Die Autorin zeigt damit aber nur Pessis unfassbar erotisierende Wirkung auf Angel. Ein Taumel, ein Abgrund aus Begierde tut sich da auf, bereit, den Protagonisten zu verschlingen. 
Gekonnt vermischt Johanna Sinisalo wechselnde Perspektiven der Romanfiguren mit Einschüben über Trolle aus der finnischen Folklore, Literatur und Mythologie. Der Troll tritt in diesem Roman aber ganz unüblich unserer Vorstellung nicht als plumpe, kleinere Variante des Riesen auf, nein, er ist ein satanischer Verführer, ein animalischer Satyr, ein dämonischer Sukkubus oder gleich der Teufel selbst. 
Trotz dieser Symbolik bleibt Pessi sympathisch, geradezu furchterregend menschlich – eine Qualität, die dem Roman eine weitere Bedeutungsebene zuweist, die stark an „Planet der Affen“ erinnert. Nur weil sie bisher nicht als Konkurrenz zum Menschen auftraten, bedeutet es nicht, dass die Trolle unterlegen wären. 
Die unvermeidbare Eskalation der Ereignisse reißt Angel aus seiner wohlbehüteten Welt hinein in die Höhle der Trolle. 
Andere Rezensenten in der NZZ oder der SZ konnten diesem Glanzstück zwischen Fantasy, Mythologie, Sci-Fi, Beziehungsdrama und Sittenstudie nichts abgewinnen. Warum muss denn immer alles vorhersehbar, langweilig sein? Sich an bekannte, etablierte Normen halten? Es gibt nichts Furchtbareres als elende Gleichmacherei. Es sind nun mal eben nicht alle gleich und das ist gut so. Wir brauchen mehr Vielfalt auf dem stagnierenden, Mainstreambrei produzierenden Literaturmarkt - und da tut es hin und wieder gut, sich von der sich meist um ähnliche Themen kreisenden deutschen Literatur zu entfernen, einen Sprung in andersartige, überraschende, wilde Literatur aus einem anderen Kulturkreis zu machen. Das kann bisweilen sehr erfrischend sein und einem einen neuen Blickwinkel auf Literatur und wie sie zu sein hat geben. 
Johanna Sinisalo ist mit ihrem Roman über einen Homosexuellen, der seiner animalischen Begierde zu einem mystisch wirkenden Naturwesen erliegt und dessen Leben daran zerbricht, ein kraftvoller, drastisch schockierender Roman gelungen. 
Die Kunstfertigkeit liegt dabei jedoch nicht nur in der Drastik der abnorm wirkenden Beziehung Mensch-Troll, nein, auch in der sprachlichen Vielfalt, den zahlreichen Perspektiven, die dem Leser einen kaleidoskopartigen Blick auf die sich zuspitzenden Ereignisse geben, wie auch in der ungewöhnlichen Mischung verschiedener Genres.

P.S. Anmerkung an die lieben Verlagsleute von Klett-Cotta, bzw. Tropen. 
„Troll: Eine Liebesgeschichte“ ist ein intelligenter, grandioser Roman ich bin dankbar, ihn durch den Verlag entdeckt zu haben – doch wie sinnvoll ist es, Restexemplare einer so offensichtlich vergriffenen Auflage von 2005 (auch das Taschenbuch bei Rowohlt gibt es nicht mehr …) als Leseexemplare auf der Frankfurter Buchmesse 2014 an Buchhandels-Azubis herauszugeben? 
Was bitte nützt das dem Verlag (außer offensichtlich Kosten zu sparen, da man die Restexemplare nicht mehr entsorgen muss)?! Sollte man nicht besser neuere Titel, lieferbare Titel bewerben, die dann auch empfohlen und verkauft werden können?

Interesse? Leider gibt es diesen Titel nur noch antiquarisch, als gebundes Buch wie auch als Taschenbuch.
 

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