Donnerstag, 12. Februar 2015

Unterdrückung und Herrschaft: Die Pyramide

Die Pyramide (orig. Piramida) 
von Ismail Kadare 
2014 S. Fischer 
ISBN 978-3-10-038410-2

Der junge Pharao Cheops erschüttert seinen Hofstaat, als er kurz nach seiner Thronbesteigung verlauten lässt, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern keine Notwendigkeit sieht, eine Pyramide errichten zu lassen. Ein Pharao ohne Pyramide? Undenkbar! Der Pharao muss überzeugt werden, dass es unerlässlich ist, eine Pyramide zu errichten. Schließlich findet sich das Argument, dass Cheops nicht abtun kann: Ohne Pyramide wird es zu zu großem Wohlstand in der Bevölkerung kommen, zu Aufstand und Rebellion. Allen bisherigen Pyramiden ging eine solche Krise voraus. Für andere Großmächte, symbolisieren die Pyramiden Ägyptens Reichtum, Ruhm und Herrschaftsanspruch – das ägyptische Volk wird durch ihren Bau hingegen unterdrückt und an der Rebellion gehindert, die Pyramide vernichtet eben jenen überflüssigen Wohlstand und das Freiheitsstreben des Volkes. 
Cheops beugt sich schließlich dem Drängen seines Innersten Kreises. Seine Pyramide sollte Ägypten ebenso in die Knie zwingen wie alle anderen zuvor. 
Doch nicht nur die Bevölkerung leidet unter der Erbauung der Pyramide, auch der Pharao fürchtet das Monstrum, das er ins Leben gerufen hat, sein monumentales Grab, welches sein Leben überschattet und sich zuletzt ihn selbst einverleiben wird.

Was zunächst anmutet wie ein historischer Roman, ist im Grunde eine politische Parabel über die Mechanismen despotischer Herrschaft, ihre Schrecken und ihre Brutalität, welche nicht zuletzt die Dunkelheit widerspiegelt, die in allen Menschen lauert. 
„Die Pyramide“ ist kein frohes Buch. Es lässt einem das Herz stocken und drückt einem die Luft aus den Lungen. Über allem lastet schwer und fühlbar erdrückend das Gewicht der Pyramide, das Gewicht der Unfreiheit, der Unterdrückung. 
Geschickt zeichnet Ismail Kadare durch kapitelweise wechselnde Perspektiven ein umfassendes Bild der Zustände und Auswirkungen der Planung sowie der Errichtung der Pyramide. Jede involvierte Gesellschaftsschicht kommt dabei zu Wort, zuletzt der Pharao selbst. Seine Pyramide ist ihm unerträglich, er erträgt den Gedanken nicht, eines Tages von dem von ihm selbst geschaffenen Ungeheuer verschlungen zu werden – diese Schilderung der sich zur Paranoia auswachsenden Abneigung des Pharaos Cheops hat kafkaeske Züge. Machtlos, geradezu ohnmächtig steht der mächtigste Mann Ägyptens dem Ungeheuer gegenüber, das seine Herrschaft sichern sollte. 
Wie jeder Despot fürchtet er diejenigen, die er unterdrückt. Rücksichtslos werden daher alle Anzeichen von Verschwörung, ob sie denn nun tatsächlich vorhanden sind oder doch nur imaginiert, aufs Brutalste verfolgt und vernichtet. 
Cheops Pyramide, der Garant seiner absoluten Herrschaft, ist errichtet aus den Tränen, dem Schweiß, dem Blut und Wohlstand seiner Untertanen. Leichen pflastern den Weg der Steine, die in ihr verbaut werden, all die Todesfälle beim Bau selbst müssten die Pyramide vor Blut im Grunde rostrot verfärbt haben. 
Es schaudert und schockiert. Es prägt sich ein, das Bild der übermächtigen Pyramide. Ein unglaubliches Symbol für etwas unsagbar Schreckliches. Für etwas, das die Geschichte immer wieder zu wiederholen scheint, explizit im 20. Jahrhundert. Kadare selbst weist darauf hin: Cheops war nicht der erste seiner Art und nicht der letzte. Obgleich er sich wie viele Despoten am Ende seiner eigenen Sterblichkeit beugen musste, ist sein Ende doch noch einmal schrecklicher: Verschlungen von seiner eigenen Pyramide und erdrückt von ihrem Gewicht, dem Gewicht dessen, wofür sie steht, bis in alle Ewigkeit. 
„Die Pyramide“ ist kein historischer Roman. Cheops selbst lag vermutlich nie in seiner Pyramide, zumindest tut er es schon lange nicht mehr. Liest man Ismail Kadares Roman jedoch als Parabel, als Mahnung, dann können einem die Andeutungen nicht entgehen, dann muss man den Wert dieses literarischen Prosawerkes erkennen. So stellt der Autor in seinem „Epilog aus Glas“ den unmissverständlichen Bezug zur (albanischen) Gegenwart her.
Es drängt sich dem geübten Auge natürlich der Vergleich mit dem herausragenden Nagib Machfus (einer meiner Lieblingsautoren) auf, der mit seinen drei Pharaonen-Romanen ebenso die Missstände seiner Lebenszeit im Medium des Vergangenen anprangerte wie Ismail Kadare es in diesem Roman tut. 
Große, bedeutende Literatur. Solch eine niederschmetternde, fühlbar bedrückende Stimmung zu schaffen, die Dunkelheit des Menschen so treffend und nachwirkend zu beschreiben – das bedarf großen schriftstellerischen Könnens.

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