Mittwoch, 4. Februar 2015

Zwischen Reaktionärem und Aufbruch: Friedhof der Unschuldigen

Friedhof der Unschuldigen (orig. Pure) 
von Andrew Miller 
2013 Paul Zsolnay Verlag 
ISBN 978-3-552-05644-2

Jean-Baptiste Baratte, ein junger Ingenieur in einfachen Verhältnissen in der Normandie aufgewachsen, erhält 1785 in Versailles den Auftrag seines Lebens: Er soll im Pariser Stadtteil Les Halles den Friedhof der Unschuldigen samt Kirche abreißen. Der Friedhof, auf dem seit Jahrhunderten Leichen verscharrt werden, vermag seine Toten nicht mehr in der Erde zu halten. Er quillt sprichwörtlich über und bringt diejenigen, die dort zur letzten Ruhe gebettet werden sollten, wieder ans Licht des Tages. Nach Ansicht der Obrigkeit in Versailles verseucht er damit die Stadt nicht nur gesundheitlich, sondern auch moralisch. 
Zunächst zeigt sich Jean-Baptiste noch optimistisch und voller Tatendrang, schließt auch schnell Freundschaft mit einem Organisten, doch bald sieht er sich konfrontiert mit abergläubischen Arbeitern aus Flandern, verdächtigen Unfällen und Anfeindungen im Viertel. Denn nicht alle wollen, dass ihr Friedhof verschwindet. 
Zugleich stürzt er sich auch noch in eine Liebesaffäre mit der Prostituierten Héloise, wegen ihrer Ähnlichkeit mit Marie Antoinette die Österreicherin genannt, was die Tochter des Küsters, bei dem er Unterkunft erhalten hat, gegen ihn aufbringt, denn sie hat selbst ein Auge auf den jungen Ingenieur geworfen. 
Die Auslöschung des Friedhofs und der Kirche gestalten sich schwieriger, kräftezehrender und gefährlicher als Jean-Baptiste zunächst geglaubt hatte.

Mit seinem historischen Stoff, angesiedelt am Vorabend der Französischen Revolution, weiß uns Andrew Miller den Atem zu rauben. 
Er beschreibt die Ausgrabungen und Funde auf dem Friedhof derart opulent und olfaktorisch, dass man als Leser beinahe schon den Gestank der Verwesung in der Nase kitzeln spürt. Der Ekel, den er dadurch beim Leser auslöst, zieht einen nur noch stärker in die an sich schon rasante, fesselnde Romanhandlung. 
Neben dem Liebesdreieck, das zum Drama wird, erleben wir die Schattenseiten eines labyrinthischen Viertels, das wohl tatsächlich durch die Ausdünstungen des berstenden Friedhofs verseucht wird – an sich pars pro toto stehend für gesamt Paris, das an seinen eigenen moralischen Unmenschlichkeiten zu ersticken scheint. 
Der gesamte Roman liest sich als Parabel, als Vorausdeutung auf das, was in den Jahren darauf, angestoßen durch den Sturm auf die Bastille 1789, in Paris an Umstürzungen vor sich gehen sollte. Mit zarten, immer wieder zufällig wirkenden, zum Teil kaum wahrnehmbaren Hinweisen, stößt uns der Autor stets wieder darauf. 
Der Verlauf des Abrisses der Kirche und des Friedhofes, welcher blutige, brutale Ausmaße annimmt, ist in sich selbst ein Hinweis auf den kommenden Verlauf der Revolution, die gleich Saturn ihre eigenen Kinder fressen sollte. 
Ein Unterfangen, das dem Wohl des Volkes dienen sollte, der Abriss einer einsturzgefährdeten Kirche, die Umverlegung und Modernisierung eines überfüllten Friedhofes, geraten außer Kontrolle und nehmen dramatische Formen an, bevor ein neuer Tag, ein neues Zeitalter anbrechen kann. 
Reaktionäres und Modernes stehen sich ständig direkt gegenüber in diesem wundervollen historischen Roman - der Kampf dieser beiden Kräfte um die Oberhand manifestiert sich nicht nur in den einzelnen Romanfiguren, sondern bewegt die Romanhandlung und den Lauf der Geschichte an sich. 
Solch subtile Kunstfertigkeit kann nur ein wahrlich großartiger Autor und Romancier besitzen.

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