Montag, 6. Juli 2015

Entlarvend skurril: Cornflakes mit Johnny Depp

Cornflakes mit Johnny Depp (orig. One More Thing) 
von B.J. Novak 
2014 Blumenbar 
ISBN 978-3-351-05013-9

Dreiundfünfzig höchst skurrile Geschichten über die Essenz des Menschlichen, über wahrgewordene surreale Träume und über die Komik, die uns in jeder noch so unscheinbaren Situation auflauern, verstecken sich hinter dem höchst passenden Titel „Cornflakes mit Johnny Depp“. 
„Kellogg’s“ erzählt von einem Schüler, welcher sich der Maxime der Eltern widersetzt und sich gezuckerte Markencornflakes kauft, um seine Chancen auf darin versteckten Geldgewinn zu erhöhen - und dabei eine Entdeckung macht, die sein bisheriges Leben unwiderruflich zerstört. 
Die Geschichte „Schlussstrich“ handelt von einer jungen Frau, die mit ihrer letzten unglücklichen Beziehung abschließen möchte. Nur nicht so, wie es ihr Ex oder der Leser erwartet. 
„Dunkle Materie“ thematisiert den plötzlich irrsinnig wichtigen gewordenen Wunsch eines jungen Mannes, um jeden Preis herauszufinden, was genau die Dunkle Materie ist, von welcher sogar die Wissenschaftler behaupten, sie könnten es bis heute nicht definitiv sagen.
Die erste künstliche Intelligenz, die fähig ist wahrhaftig und aufrichtig zu lieben, ein Sexroboter mit Namen „Sophia“, macht mit dieser ebenso unerwarteten wie ungewöhnlichen Ausstattung ihrem Käufer keine Freude.

"Aber sein Traum war in diesem Moment gestorben, von den Launen dieser Idioten 
ermordet, und es gab nichts, was er nunmehr dagegen tun konnte. 
Ach Mensch, dachte Christo. So ist das Leben."

B.J. Novaks Kurzgeschichten in „Cornflakes mit Johnny Depp“ sind auf hinreißende Art kurzweilig und zugleich unglaublich tiefsinnig. Ihm gelingt es in wenigen Sätzen die Essenz unserer widersprüchlichen Natur und Zeit wie kein anderer festzuhalten. Dabei variiert die Länge der Stories von nur einem einzigen Satz bis zur mehrseitigen Kurzgeschichte. Doch auch in den Kürzesten seiner Stories schafft er es mit schriftstellerischem und narrativen Talent, das zuweilen in bitteren Sarkasmus ob der Scheinheiligkeit, den müßien Selbstlüge und der skurrilen Komik ausartet, auf geringstem Raum ein ungewöhnlich schillerndes Panorama der in dieser Story von ihm karikierten Situation oder Verhaltensweise darzustellen. 
Oftmals nimmt er auch gekonnt - manchmal subtil, zuweilen auch offensichtlich - Bezug auf urbane Legenden unseres Zeitalters, wie beispielsweise Elvis Presley, dem er mit „Quanten-Nicht-Lokalität und der Tod von Elvis Presley“ ein imaginativ einzigartiges Denkmal setzt und den King of Rock‘n’Roll seinen Tod inszenieren lässt, nachdem dieser sich ob einer Identitätskrise nicht länger mit seinem Alter Ego identifizieren kann. Auch Johnny Depp, dessen Omnipräsenz zuweilen bedrückende Formen annimmt, erhält eine Story über das Verhängnis des Ruhms („Johnny Depp, das Schicksal und der Hollywood-Doppeldecker-Tourenbus“), ebenso wie „Kate Moss“. 
Es sind jedoch nicht nur aktuelle Entwicklungen und Persönlichkeiten, die Novak in seinen höchst intelligenten Stories thematisiert, ebenso sind es entlarvende Banalitäten des Alltags (z.B. „Nettigkeiten bei Kaffee und Kuchen“ und „Entscheide dich“) oder das vielfältige Scheitern auf dem Gebiet der Liebe („Romantik, Teil I“, „Alles, was du tun musst“). 
Die scheinbare Zufälligkeit und Zusammenlosigkeit dieser schon an eine liebevolle Kakophonie grenzenden unterschiedlichsten Themen und Eindrücken in Novaks Stories macht zugleich ihren hypnotischen Reiz aus. Denn schaut man nur ein winziges bisschen genauer hin, bemerkt man sofort, dass diese wilde, zuweilen verrückte und in jedem Fall entlarvende Ansammlung des Menschlichen keinesfalls so willkürlich ist wie man es vielleicht zunächst annehmen könnte. Sehr bewusst verknüpft Novak subtil einige, wenn auch nicht alle, seiner großartigen Stories mit wenigen Hinweisen miteinander. So taucht der verkappte Romantiker aus „Alles, was du tun musst“ mit dem roten T-Shirt alsbald als wesentlicher Nebendarsteller in „Craigslist/Verpasste Gelegenheiten: verschüttete Lebensmittel an der Ecke 21st und 6th Street um 14:30 an einem Mittwoch“ wieder auf. Heimlich, fast schon unbemerkt, mogelt uns der Autor Zusammenhänge inmitten all des Zusammenhanglosen unter, lässt uns stutzen und zeigt uns auf wie klein die ach so große Welt tatsächlich ist, wie nahe Kausalität und Resultat wirklich verknüpft sind. 
Die Titel fangen dabei jedes Mal aufs Neue das Wesen der verschiedenen Stories ein, von welcher jede ihre eigene Erzählweise und Stimme besitzt. Der Stil Novaks, entlarvend, sarkastisch dabei jedoch immer mit einer Prise Humor, bleibt jedoch stets spürbar. 
Großartige Kurzgeschichten über allerhand Absurdes, von dem wir ab und an nicht einmal zu träumen wagen, das uns aber umso menschlicher macht, hat B.J. Novak mit „Cornflakes mit Johnny Depp“ verfasst. Denn wer von uns kann sich nicht mit kleinen Lügen, Fehlern, Ticks und den skurrilen Wunschträumen identifizieren, über die Novak schreibt? Es ist eine wundervolles Talent, all das in solch parodistische Form auf den Punkt zu bringen, wie er es in jeder seiner vielen Stories schafft. Wer von uns könnte denn nicht über einen aufgebrachten Stephen King lachen, dessen neuer Bestseller einfach so auf Grund eines Missverständnisses den recht inhaltslosen Titel „Das Irgendwas“ vom Verlag aufgestempelt bekam? 
„Cornflakes mit Johnny Depp“ ist auf jeden Fall mehr als nur ein einmaliges Leseerlebnis wert.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite (leider muss man zuerst noch nach dem Titel suchen, da die url der Titelseite sich nicht unterscheidet):

Oder doch lieber im englischen Original lesen?

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