Montag, 27. Juli 2015

Mystisch: The Ocean at the End of the Lane

The Ocean at the End of the Lane (dt. Der Ozean am Ende der Straße) 
von Neil Gaiman 
2013 HarperCollins 
ISBN 978-0-06-232513-6

Ein Mann, in der Mitte seines Lebens, kommt anlässlich einer Beerdigung wieder in die Stadt seiner Kindheit. Um sich nicht sofort den Fragen und belanglosen Gesprächen der anderen Trauergäste stellen zu müssen, fährt er zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist. Ein Haus, das schon lange abgerissen wurde. Es zieht ihn weiter, die Straße hinab, bis zur Farm der Hempstocks. Als er sieben war, erinnert er sich langsam, ist er einmal hier gewesen, befreundet mit der jungen Lettie Hempstock. 
Lettie war wie ihre Mutter und Großmutter ein seltsames Mädchen, außergewöhnlich wie er es nie zuvor und nie danach erlebt hat. Als er an dem Teich sitzt, den Lettie ihren Ozean nannte, beginnt er sich wieder zu erinnern. Wie es alles begann mit dem Südafrikaner, der bei ihnen zur Untermiete wohnte, mit seinem ersten Kätzchen Fluffy, mit dem Verschwinden ihres weißen Minis und mit seiner Bekanntschaft mit den Hempstockfrauen. An eine so gefährliche, beängstigende wie unwirkliche Vergangenheit erinnert er sich an diesem Teich, der ein Ozean war.

"'Grown-ups and monsters aren't scared of things.' 
'Oh, monsters are scared,' said Lettie. 'That's why they're monsters. 
And as for grown-ups ...'"

Neil Gaimans „The Ocean at the End of the Lane“ ist ein wundervoller, einzigartiger Fantasyroman über die Flüchtigkeit der Erinnerung und die Zerbrechlichkeit der Realität.
Die Handlung um den in die Jahre gekommenen, namenlos bleibenden Erzähler beginnt zunächst langsam. Behutsam tastet er sich an dieses vergessene, fantastische Stück Vergangenheit heran. Was er vergessen hat, ist zu gefährlich und unfassbar als dass es wahr sein könnte. 
Als er sieben Jahre alt ist, beginnen die Geldprobleme der Familie. Er muss sein Zimmer aufgeben, in dem fortan wechselnde Untermieter logieren, und sich stattdessen mit seiner jüngeren Schwester ein Zimmer teilen. Mit einem dieser Untermieter, dem südafrikanischen Bergarbeiter, soll die Geschichte beginnen, die komplett aus dem Gedächtnis des Erzählers verschwunden ist. 
Nachdem ihr Auto gestohlen und am Ende der Straße abgestellt wurde, machen sich der Erzähler und sein Vater auf, das Auto abzuholen. Doch es handelt sich nicht um einen Streich lokaler Teenager; der Südafrikaner hat das Auto für seinen Selbstmord benutzt. Als der Polizei und dem Vater dies klar wird, hat der Junge jedoch schon alles gesehen. Um aber nichts Weiteres mitansehen zu müssen, soll er mit Lettie Hempstock auf deren Farm in der Nähe warten bis alles geregelt ist. 
Die Hempstocks sind gütig zu ihm, aber sprechen in Rätseln. Lettie behauptet, der Teich hinter dem Farmhaus sei ein Ozean, über den sie aus dem alten Land herübergekommen seien. Doch ihre Großmutter sagt, sie irrt sich, denn sie erinnere sich noch an das wirklich alte Land - und das sei in die Luft geflogen. 
Nach diesem Tag verändert sich alles für den Siebenjährigen: Der Tod des Südafrikaners hat etwas ausgelöst, das niemand erwartet hat. Etwas wurde geweckt, das besser weitergeschlafen hätte. 
Mit einer unnachahmlichen erzählerischen Leichtigkeit treibt Neil Gaiman die Handlung voran, vermischt von Absatz zu Absatz mehr die trügerische Normalität mit dem Fantastischen, dem Märchenhaften und Mythischen. Der Erzähler stolpert als Siebenjähriger hinein in eine gefährliche übernatürliche Konfrontation, die die Grenzen der Realität und unserer Welt und unseres Zeitempfindens sprengt. 
Tapfer stellt er sich an Lettie Hempstocks Seite, um mit ihr gemeinsam gegen das Unheil, das, geweckt durch den Tod des Südafrikaners, in sein Leben eindringt und seine Familie unter seine Kontrolle zwingt, vorzugehen. Mit nur sieben Jahren muss er sich etwas stellen, das so viel älter und gefährlicher ist, als alles, was er sich je vorstellen könnte - aber sein Vertrauen in Lettie und ihre Großmutter gibt ihm Kraft. Er kämpft um sein Leben und das seiner Familie und wächst dabei über sich selbst hinaus. 
„The Ocean at the End of the Lane“ ist ein außergewöhnlicher Fantasyroman, in dem es Gaiman gelingt, mit nur wenigen Andeutungen eine ganze Mythologie zu erschaffen und sie geschickt mit unserer Realität zu verweben. Der Zauber seiner Geschichte liegt vor allem darin, dass er es vermeidet, dem Leser zu viel zu verraten. Stattdessen enthüllt er nur, was absolut nötig ist und bewahrt so das Geheimnisvolle und Rätselhafte dieser märchenhaften Welt, das den Leser noch lange nach der Lektüre des Romans faszinieren wird. 
Neil Gaiman ist mit Sicherheit einer der großen fantastischen Geschichtenerzähler unserer Zeit. Mit „The Ocean at the End oft he Lane“ erschafft er einen ganz eigenen Kosmos voller Magie und der Frage nach dem Ursprung der Dinge. Was wir verlieren, wenn wir erwachsen werden, welche Wunder und welchen Zauber die Kindheit birgt, welches Wissen, das dann aber unwiderruflich in Vergessenheit geraten muss, davon erzählt Neil Gaiman. Denn als Mensch kann man niemals alles wissen, muss der junge Erzähler erfahren, aber dass es eine Verbindung zwischen allen lebendigen Dingen gibt, eine Ordnung, die sich hinter den fragilen Grenzen unserer Realität verbirgt, ist ein tröstlicher Gedanke. 
Einer der besten, einzigartigsten und authentischsten Fantasyromane, den ich in der letzten Zeit gelesen habe.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite (dort findet ihr auch eine Leseprobe):

Oder doch lieber auf Deutsch in der schönen gebundenen Ausgabe von Eichborn lesen?

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