Freitag, 10. Juli 2015

Zarteste Melancholie: Unsere große Verzweiflung

Unsere große Verzweiflung (orig. Bizim Büyük Çarasizliğimiz) 
von Barış Bıçakçı 
2012 binooki 
ISBN 978-3-943562-05-7

Çetin und Ender sind schon seit ihrer Schulzeit eng befreundet, ihre Freundschaft ist ausschließlich und unkonventionell in ihrer Intensität. 
Als ihr gemeinsamer Freund Frikret, der mittlerweile in Amerika lebt, bei einem Besuch in Ankara die Eltern in einem tragischen Unfall verliert, bittet er seine besten Freunde darum, sich um seine kleine Schwester Nihal zu kümmern und sie bei sich aufzunehmen. Nihal hat in Ankara gerade erst ihr Studium begonnen und braucht lange, um sich an die neuen Umstände anzupassen. Langsam gewöhnt sie sich jedoch an ihr neues Leben mit den beiden Männern mittleren Alters, welche ihr nun zugleich als große Brüder und Elternersatz durch ihr Studium helfen sollen. Je mehr Nihal gegenüber dem romantischen Übersetzer Ender und dessen besten Freund Çetin auftaut, desto komplizierter wird die Dreiecksgeschichte.
Beide Männer, von der Liebe enttäuscht, beginnen rasch eine zarte Hingezogenheit zur jungen Nihal zu empfinden, welche sich bald nicht mehr als reine väterliche oder brüderliche Zuneigung abtun lässt.
 
"Und die Sterne am Himmel warteten darauf, von einem Betrunkenen
auf die Erde geholt zu werden. Die Sterne strichen uns um die Beine, Çetin."

Barış Bıçakçıs großartiger Roman „Unsere große Verzweiflung“ erzählt berührend von unerwiderter Liebe und einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft. Mit sanfter Hand und lyrischer Prosa lässt Barış Bıçakçı seinen Protagonisten Ender Jahre nach Nihals Weggang das Geschehene für seinen Freund Çetin nochmals schildern, um damit abzuschließen und ihm ein letztes Mal seine Sicht der Ereignisse zu schildern. 
Ender ist der gebildetere, wortgewandtere der beiden Freunde, allerdings ist er auch der Vergeistigtere; Çetin hingegen war nie ein Mann großer Worte, aber glänzt dafür mit seinem zuweilen kindlichen Charme und seiner praktischen Veranlagung. 
Nach vielen Jahren der Trennung durch Studium und Arbeit Çetins in Istanbul und Umgebung, sind er und sein Freund Ender, zwei Seiten einer Münze gleichend, endlich wieder zusammen in Ankara, der Stadt ihrer Kindheit. Dort führen sie ein beschauliches, aber genussvolles gemeinsames Leben. Glück in der Liebe hatten beide nie, Enders letzte Beziehung zu einer verheirateten Frau bereitete ihm mehr Schuldgefühle als Vergnügen und der aufbrausende Çetin passte sich stets, zum Unmut Enders, zu sehr den Ansichten seinen Freundinnen, aber nahm dennoch stets Anstoß an ihn störenden Kleinigkeiten. 
Die junge Nihal, welche sie beide seit ihrer Geburt kannten, waren sie doch mit ihrem älteren Bruder Fikret auf einer Schule und auch gut befreundet - nie jedoch so stark wie ihre Beziehung zueinander - wirbelt nun ihr ruhiges, ausgeglichenes Leben durcheinander.
Ender und Çetin geben ihr Bestes, Nihal die optimale Umgebung voller Zuneigung und Verständnis zu bieten, um mit dem Verlust ihrer Eltern umzugehen und ihr Studium weiterzuführen. Tatsächlich taut Nihal ihnen gegenüber langsam auf: Mit Ender verbringt sie die Nachmittage, lässt sich seine und Çetins Geschichte von ihm erzählen, leiht sich Bücher von ihm und verdreht ihm dabei unbemerkt immer stärker den Kopf. Ender ist aber nicht allein mit seiner Verliebtheit, auch Çetin verfällt Nihals jugendlicher Schönheit und ihrem kindlichen Charme. In praktischen Angelegenheiten des alltäglichen Lebens ist stets er ihr erster Ansprechpartner. Nihal scheint sich ihrer Wirkung auf beide zuweilen gar nicht bewusst  zu sein, die Verwirrung, in die sie die beiden Freunde stürzt, bleibt von ihr unentdeckt. Als sie ihren Bruder besucht, sprechen Çetin und Ender erstmals das bisher streng gemiedene Thema Nihal an, entdecken ihre geteilte Verliebtheit und beschließen, sich und ihre Gefühle zurückzuhalten. Dass beide bei Nihal von Anfang an keine Chance hatten, müssen die beiden Freunde jedoch allzu spät erfahren. 
Selten liest man eine solch sanft leuchtende Prosa, wattig weich und dennoch von solch süßer Melancholie durchzogen, wie Barış Bıçakçı Ender seine Geschichte in „Unsere große Verzweiflung“ erzählen lässt. Die Verzweiflung ob der unerwiderten Liebe, ob der Verwirrung und noch stärker, ob dem Verlust der Kindheit, durchzieht den gesamten Roman. Ender wechselt dabei häufig in den verschiedenen Kapiteln zwischen der Zeit mit Nihal und seiner und Çetins gemeinsamer Vergangenheit, und schafft so ein schillerndes Panorama ihrer besonders engen Männerfreundschaft, in der der eine nicht ohne den anderen leben kann. Nihal bringt all das durcheinander, in ihrer Verschlossenheit versäumt sie es oder sich weigert sich zu bemerken, dass sich beide Freunde in sie verliebt haben. 
„Unsere große Verzweiflung“ ist ein liebevoller, melancholischer Roman über den Verlust des Kindlichen, über eine zarten Verliebtheit und einer freundschaftlichen Liebe, stärker als alle Enttäuschungen des Lebens.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite (dort findet ihr auch eine Leseprobe des Romans):

Hier geht es dann noch zum Trailer der Filmadaption von 2011:

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