Montag, 13. Juli 2015

Erbarmungsloses Blutvergießen im viktorianischen London: The Quick

The Quick 
von Lauren Owen 
2014 Vintage Books 
ISBN 978-0-099-56997-8

James Norbury und seine Schwester Charlotte verbrachten eine unbeschwerte und kaum überwachte Kindheit auf dem Familienanwesen Aiskew Hall im viktorianischen Yorkshire. Schon seit Jahren mehr oder weniger der Verwilderung und dem Verfall überlassen, kann auch ihr vielbeschäftigter Vater bis zu seinem überraschenden Tod wenig am Zustand von Aiskew Hall ändern. Charlotte soll bei ihrer Tante bleiben, während James sich in Oxford seiner Schulausbildung zuwendet. Er beschließt, Schriftsteller zu werden und dazu nach seinem Studium in London zu leben. Auf Grund der familiären Geldprobleme muss er sich mit Christopher Paige, charmant und gutaussehend, im Haus einer Verwandten desselben Zimmer mieten. Nach und nach freunden sie sich jedoch an, mehr als das. Durch Christophers Drängen überzeugt, schreibt James, anstatt seiner Gedichte, sogar ein Theaterstück und gemeinsam ziehen sie los, um es dem berühmten Oscar Wilde mit der Bitte um Unterstützung auf die Türschwelle zu legen. Ihre nächtliche Unternehmung verläuft aber ganz anders als erhofft: Sie werden brutal angegriffen - Christopher stirbt und James ist nie mehr derselbe wie zuvor. 
Er erwacht Tage später im ebenso mysteriösen wie illustren Aegolius Club, wo ihm das gesamte Ausmaß seiner Veränderung bewusst wird. Zur gleichen Zeit macht sich Charlotte nach dem Tod ihrer Tante besorgt auf die Suche nach ihrem Bruder, welcher schon seit geraumer Zeit weder auf ihre Briefe noch ihre Telegramme geantwortet hat …

"She did not understand what he was doing. All she knew, in that cool distant of terror, was that he was too strong for her, she could not pull away."

Lauren Owens „The Quick“ ist ein ausgezeichneter Gothic-Roman, dessen Reminiszenzen an die Anfänge des Genres mannigfaltig sind und dessen bedrückend aussichtslose Atmosphäre sich genussvoll langsam entfaltet. Keinesfalls handelt es sich bei „The Quick“ um einen der verwässerten, eher lächerlichen Vampirromane, die die Untoten romantisieren und verharmlosen. Lauren Owen konfrontiert ihre Leser stattdessen auf altmodische Art mit dem Übernatürlichen, führt sie, ebenso wie die Figuren ihres Romans, langsam an die Thematik heran, lässt sie zweifeln und es als Aberglauben abtun. Die Bezeichnung „Vampir“ selbst fällt sogar erst gegen Ende der Handlung, die in fünf Teile gegliedert ist. Neben James und Charlottes Perspektive wird auch aus der Sicht zahlreicher anderer (Neben-)Charaktere, die alle eine besondere Rolle im vielschichtigen Plot einnehmen, erzählt. Zunächst folgen wir jedoch James Geschichte, welche sich zu Beginn als nicht so sehr besonders ausnimmt, zumindest bis er Christopher Paige, dem Enfant Terrible einer angesehenen und wohlhabenden Londoner Familie, begegnet. Dieser ist das komplette Gegenteil des ruhigen, in sich selbst zurückgezogenen, oftmals zerstreuten Möchtegern-Poeten James - extrovertiert, vergnügungssüchtig, selbstsicher, charmant und risikofreudig. Zögerlich und einfühlsam erzählt Owen von ihrer Beziehung. Letztlich ist es jedoch nicht die Ablehnung von Christophers Familie, sondern der nächtliche Überfall, mit tödlichem Ausgang für Christopher, der den Lauf von James Leben dramatisch und unwiderruflich verändert. 
Ein gegen die Regeln verstoßendes Mitglied des exklusiven Londoner Aegolius Club beendet James bisheriges Leben und verwandelt ihn ohne dessen Wissen oder Zustimmung. Ein Umstand, der jahrhundertelang für unmöglich gehalten wurde und nach bisherigem Wissenstand mit dem Tod des Opfers enden müsste. Nur durch die jahrzehntelangen Studien von Augustus Mould, der menschlichen (aber dennoch umso bösartigeren und herzloseren) rechten Hand des Clubvorstehers Edmund Bier, konnte die bisherige fälschliche Annahme, dass eine ausdrückliche Zustimmung vor dem Austausch und der Verwandlung essentiell ist, negiert werden. Die Untoten, selbstgenügsam, aristokratisch und gelangweilt, legen in der Tat wenig Wert auf Bildung oder Erforschung ihrer eigenen Möglichkeiten, deren Beschränkungen oder Herkunft. Erst mit der Machtübernahme Biers wendet sich der Aegolius Club durch Mould diesen wissenschaftlichen Fragen zu. 
James ist nun der erste, bei dem das Undertaking angewandt wird - obgleich er nicht derjenige ist, welcher vom Club dafür ausgewählt wurde. Außer sich vor Wut über den ruchlosen Mord an Christopher, die Ungerührtheit der Clubmitglieder und seine Verwandlung in ein Monster, besessen von Blut und dem Instinkt zu töten, flieht James mit einem anderen Gefangenen, Mr Howland, aus dem Aegolius Club und schwört Rache. Der Club kann ein solch respektloses und undankbares Verhalten keinesfalls dulden und verfolgt James und  Howland erbarmungslos. 
Ein ganz anderes, treffenderes Bild einer der klassischsten Schauergestalten der europäischen Folklore zeichnet Lauren Owen mit „The Quick“. Vampire als ruchlose Raubtiere, bar jeder menschlichen Regung, immer auf der Suche nach ihrem eigenen Vorteil und der Essenz des Überlebens - anderen ihr Leben zu rauben - darzustellen, ist keine sehr populäre Darstellung in unserer Zeit. Eine vergleichbar nüchterne, furchterregende Darstellung des Vampirismus findet sich sonst aktuell lediglich bei Guillermo del Toros grauenerregender „The Strain“-Trilogie. Facettenreich entfalten sich Owens zahlreichen Handlungsstränge und zeichnen so ein detailreiches, lebendiges Bild eines düsteren, übernatürlichem Fin de Siècle. Lauren Owen gelingt es meisterhaft, den Leser in den Bann ihrer Geschichte zu ziehen und ihn zugleich immer aufs Neue zu desillusionieren und zu schockieren. Ein absolut lesenswerter Genuss für alle Freunde von klassischer, blutiger Schauerliteratur.

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Leider ist dieser Titel bisher noch nicht auf Deutsch erschienen.
 

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