Freitag, 24. Juli 2015

Modernes Märchen ganz in Gold: Blaubart

Blaubart (orig. Barbe bleue) 
von Amélie Nothomb 
2014 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-24317-8

Saturnine, eine junge Belgiern, die in Paris am École du Louvre unterrichtet, ist auf der Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft in Paris. Durch eine Anzeige stößt sie auf ein scheinbar unfassbares Angebot: ein großes Zimmer mit Bad im VII. Arrondissement. Sie bezweifelt angesichts der zahlreichen auf ein Vorsprechen beim Vermieter wartenden Frauen, dass sie eine Chance hat, das Zimmer in einem solch prunkvollen Stadtpalais ergattern zu können. 
Doch das Angebot scheint einen nicht unmerklichen Makel zu besitzen, wie sie von einer der wartenden Frauen erfährt. Alle acht vorherigen Mieterinnen sind bis zum heutigen Tag spurlos verschwunden, der Vermieter selbst wird ihrer Morde bezichtigt. Nicht wenige der Wartenden sind nur gekommen, um einen Blick auf diesen adligen Serienmörder zu werfen.
Als Don Elemirio Nibal y Milcar, besagter Vermieter und angeblicher Mörder, gerade ihr das Zimmer anbietet, kann sie dem Luxus trotz aller Gerüchte nicht widerstehen - und wie gefährlich kann ein verschrobener, in selbst auferlegter Klausur lebender spanischer Adliger schon sein?

"Gold ist die Substanz Gottes. Keine andere Nation hat so viel Sinn für das Gold 
wie Spanien. Das Gold verstehen heißt Spanien verstehen und damit mich verstehen. 
Ich liebe Sie, das ist eine Tatsache."

Amélie Nothomb ist mit „Blaubart“ eine gelungene Neuinterpretation des klassischen Märchenstoffes gelungen. Voller Witz und Sarkasmus lässt sie eine moderne, selbstständige und emanzipierte Frau auf den charismatischen Frauenmörder treffen, der daraus entstehende rhetorische Schlagabtausch zwischen unbezahlbarem Champagner und diversen Eiergerichten könnte nicht skurriler und schauerlicher sein. 
Saturnine, jung, schön und eigenwillig, nimmt das Angebot Don Elemirios gerne an, denn sie kann nicht länger auf dem Sofa ihrer Freundin in deren winzigem Appartement hausen und in Paris eine andere bezahlbare Wohnung zu finden scheint nahezu undenkbar. Der zweifelhafte Ruf ihres Vermieters hält sie kaum davon ab, zu sehr braucht sie ein Zimmer. Nie zuvor stand ihr solcher Luxus zur Verfügung wie in Don Elemirios Stadtpalais, in dem sie sich völlig frei bewegen darf. Es gibt nur eine einzige Ausnahme: Das Betreten der Dunkelkammer ist verboten. Sollte sie es dennoch tun, würde sie es bereuen, warnt sie Don Elemirio. Saturnine lässt sich allerdings nicht so leicht in Versuchung führen wie ihre acht Vorgängerinnen, die verschlossene Dunkelkammer interessiert sie wenig, ist ihr doch klar, dass alle acht Frauen wegen der Übertretung von Don Elemirios Verbot „verschwanden“. Ob sie tatsächlich tot sind, darüber ist sie sich noch nicht im Klaren. Aber dass sie Don Elemirio für seine Taten verachtet, ist absolut unbestreitbar. Schon beim ersten gemeinsamen Abendessen, bei welchem er sein kulinarisches Talent beweist, gesteht ihr Don Elemirio seine unsterbliche Liebe - und fast zeitgleich, seine Liebe für jede ihrer Vormieterinnen. Saturnine ist angewidert und versucht gar nicht erst, ihre Abneigung zu verstecken. Dennoch bleibt Don Elemirio fasziniert von ihr und überschüttet sie mit kostbarstem Champagner und anderem Luxus. Mit jedem Abendessen nähert sich Saturnine der Wahrheit um die verschwundenen Vormieterinnen mehr, obgleich sie keinerlei Rechtfertigung von einem verschrobenen Wahnsinnigen wie Don Elemirio hören will. Seit zwanzig Jahren schon hat er sein Stadtpalais nicht mehr verlassen, die Untermiete bot ihm die optimale Gelegenheit, Beziehungen zu Frauen zu knüpfen ohne anderweitig das Haus zu verlassen. Stattdessen kultivierte er in seiner selbst auferlegten Klausur seine Kochkünste, sein Talent als Näher und die Photographie. 
Nichts liebt er als streng gläubiger Katholik so sehr wie das Gold und alles, was dessen Farbe trägt - und Saturnine verfällt ihm von Abendessen zu Abendessen trotz ihres Abscheus, Misstrauens und der nicht zu leugnenden Gewissheit seiner Schuld. 
„Blaubart“ von Amélie Nothomb verleiht dem alten Märchenstoff eine moderne, sarkastische Note und trumpft mit einer ganz eigenen, neuen Begründung für Blaubarts Morde auf. Leichte, schnelle Dialoge und starke Prosa helfen dem Plot sich rasch zu entfalten, der sich steigernde Einsatz der Farbsymbolik unterstreicht deren Bedeutung und sorgt für ein Überraschungsmoment bei den Lesern, die mit der Vorlage bekannt sind. Saturnine ist eine sehr moderne, aktive Heldin, welche - im Gegensatz zu ihrem Vorbild in Charles Perraults Märchen - nicht mehr der Rettung durch ihre Brüder bedarf, sondern intelligent und mutig genug ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Eine köstliche Neuinterpretation!

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Als schönes leinengebundenes Hardcover mit Schutzumschlag ist „Blaubart“ auch noch erhältlich:

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